Politik | Ausland
09.01.2012

Antonia Rados für den KURIER in Syrien

Auf Schritt und Tritt kontrolliert und zurückgepfiffen, wagte TV-Auslandsreporterin Antonia Rados dennoch die Reise ins Unruheland.

Bis heute kann der islamische Prediger Annas Suaed die absurde Antwort von Syriens Präsident Bashar Assad auf sein Ansuchen nicht fassen: Man möge doch bitte keine scharfe Munition mehr gegen die Demonstranten einsetzen, hatte der Geistliche bei einem seiner Treffen mit dem Präsidenten gebeten. Doch dieser winkte ab: Man habe gerade einen wirtschaftlichen Engpass. Es gäbe kein Geld für den Ankauf von Gummigeschossen.

Assad, sagt Annas Suaed, sehe Syrien als Privatbesitz seiner Familie. Unumwunden gibt der Präsident zu: Setze er Militärs ab, die oft mit ihm verwandt sind, protestierten seine Tante oder seine mächtige Mutter Anissa.

Nahe und ferne Familienmitglieder des Assad-Clans, Geschäftsleute, Krisengewinnler, Schmuggler, hohe Militärs und Auto-Importeure beobachte ich eines Abends in einem traditionellen Restaurant in der Altstadt von Damaskus. Man spielt Karten, lacht, tanzt – als gäbe es nicht schon mehr als 3000 Tote – nach offiziellen syrischen Angaben. Die UN spricht von 6000.

Schlägertruppen

Tagsüber rasen amerikanische Import-Wagen der sündteuren Marke Hummer mit dröhnenden Lautsprecher-Anlagen durch die Stadt. Sie gehören den gefürchteten Shabiha-Einheiten, andere treue Mitglieder des Assad-Clans. Schlägertypen in Zivil. Nach einem angeblichen Selbstmordanschlag gegen eine Polizeistation in der Vorwoche wüten die Shabiha-Einheiten, verhaften und schlagen Jugendliche. Laut Opposition wurde der Anschlag von der Regierung verübt, um Kritiker noch besser unterdrücken zu können und Terror zu säen.

Touristen kommen längst keine mehr. Die Hotels in Damaskus sind leer. Als ich ohne Kamera im Bazar herumgehe, folgen mir ständig Mitglieder des Geheimdienstes, schlecht angezogene Gestalten mit einschüchternden Blicken. Am Tag davor haben sie unsere Kamera zerschlagen.

Die größte Spannung herrscht an der Zufahrt zum rebellischen Vorort Duma. Hier ist das Filmen offiziell verboten. Niemand soll die Kontrollposten der Armee sehen.

Falsche Idylle

Ganz Damaskus befindet sich im Würgegriff des Sicherheitsapparats, obwohl die Regierung so tut, als wäre die Hauptstadt eine Idylle. Um der Welt das Märchen vom „friedlichen Damaskus“ besser vorgaukeln zu können, lädt man Reporter wie mich ein. Nach sechs Monaten Warten bekomme ich ein Visum – um endlich, wie das Regime suggeriert, „die Wahrheit zu erzählen“. Das Visum gilt ganze vier Tage – Verlängerung möglich. Die gibt es dann „leider doch nicht …“, heißt es aus dem Informations-Ministerium.

Im Vergleich zu den Menschen in der Rebellenhochburg Deira (Daraa) ist die Bevölkerung von Damaskus noch gut dran. In Deira, nahe der syrisch-jordanischen Grenze, begann vor neun Monaten die Protestwelle. Sicherheitskräfte hatten Kinder zu Tode gefoltert, weil sie Anti- Assad-Parolen auf Wände geschmiert hatten. Seither wird die Stadt belagert.

Auch hier muss ich an Kontrollposten der Armee vorbei, sehe Scharfschützen, versteckt auf den Dächern von Wohnhäusern. Soldaten auf Lastwagen fahren durch die Stadt, obwohl die Regierung sagt, sie hätte die Armee abgezogen. Im Zentrum sind Läden geschlossen, aus Protest gegen das Blutvergießen. Doch immer wieder werden Geschäftsleute gezwungen, aufzumachen.

Überall wird Normalität vorgetäuscht, in Deira genauso wie in den Städten Hama, Homs oder Idlib. Die Bevölkerung wird kollektiv bestraft, der Strom stundenweise abgeschaltet, die Brotzufuhr unterbrochen.

Als ob sie nicht wissen würden, dass Syrien ein religiöses und ethnisches Pulverfass ist, warnen mich Assads Aufpasser vor den Folgen dieser Revolten. Ein Bürgerkrieg zwischen der Minderheit der Alewiten, zu denen der Assad-Clan gehört, und der sunnitischen Mehrheit würde drohen. Doch der droht nicht, er ist schon da.

Und erstmals riefen gestern ungenannte Mitglieder der regierenden Baath-Partei zur Abkehr von der korrupten Führung und zur Neugründung der Partei auf.

Journalisten: Keine Visa für die Einreise Informationsblockade Seit jeher war das syrische Regime bemüht, den Informationsfluss aus dem Land unter Kontrolle zu halten. Journalisten-Visa wurden selektiv erteilt. Seit Beginn der Unruhen in Syrien gibt es für ausländische Medienvertreter aber praktisch keine Möglichkeit, von vor Ort zu berichten. Ausländische Korrespondenten wurden des Landes verwiesen. Gegenwärtig versucht die syrische Führung aber Transparenz zu demonstrieren und hat einigen Journalisten die Einreise gewährt.