Aleppo: Rebellen ziehen sich zurück
Der Widerstand der Rebellen im Osten der syrischen Stadt Aleppo ist offensichtlich gebrochen: Sie haben sich nach Angaben von Aktivisten vollständig aus weiteren sechs Vierteln Aleppos zurückgezogen. "Der Kampf um Aleppo hat sein Ende erreicht", sagte der Direktor der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), Rami Abdel Rahman. Er sprach von einem "vollständigen Zusammenbruch". Die Schlacht sei an ihrem Ende angelangt, erklärte der Leiter der oppositionsnahen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdulrahman, am Montag. Die Rebellen hätten sich aus ihren letzten Hochburgen in der umkämpften Großstadt zurückgezogen. Zuvor hatte bereits die syrische Armee erklärt, eine Niederlage der Rebellen stehe unmittelbar bevor.
Sechs Gründe, warum die Stadt so wichtig ist:
Aleppo hat sich zum Symbol für den verheerenden Konflikt entwickelt. Die Stadt war nahezu seit Beginn der Kämpfe zwischen Regime und Rebellengruppen geteilt und ist das am schwersten umkämpfte Schlachtfeld in dem Krieg. Wer hier siegt, hat auch einen immensen psychologischen Vorteil.
Aleppo ist die letzte Großstadt, in der Aufständische noch Gebiete kontrollieren. Damaskus und Homs sind fest in der Hand der Truppen von Syriens Präsident Bashar al-Assad. Den Rebellen blieben ohne die ehemals größte Stadt des Landes nur noch einige eher ländliche Gebiete wie die Provinz Idlib.
Nicht zu unterschätzen ist der militärische Spielraum, den die syrische Armee bei einer Eroberung gewinnen würde. Die Schlacht um die ehemalige Handelsmetropole bindet viele Kräfte. Diese könnten sich dann auf andere Rebellengebiete des Landes konzentrieren und das Ende des Bürgerkrieges erzwingen.
An Aleppo zeigt sich die Schwäche und die verfehlte Politik des Westens, allen voran der USA und seiner Verbündeten. Sie ließen ein Machtvakuum im Bürgerkrieg entstehen, in das Moskau zugunsten der syrischen Regierung vorstieß - und schauen nun ohnmächtig der zivilen Katastrophe zu.
Die Eroberung Aleppos würde dem Regime eine starke Verhandlungsbasis für künftige Friedensgespräche geben - falls Assad diese angesichts seines Siegeszuges überhaupt für nötig halten sollte.
Auch nach Fall Aleppos bleibt Assads Machtbasis brüchig
Der Fall der Rebellen-Enklave zugunsten der syrischen Regierungstruppen im Osten Aleppos mag eine Frage von wenigen Tagen sein - bis in dem geschundenen Land wieder Frieden herrscht, werden dennoch Jahre vergehen. Auf diesen Nenner lässt sich die Ansicht vieler Experten bringen, wenn es um die Folgen der Eroberung der einstigen Wirtschaftsmetropole im Nordwesten Syriens geht. Dafür seien die im Bürgerkrieg aufgerissenen Gräben zu groß und die Machtbasis des Präsidenten Bashar al-Assad sei zu klein. Zudem werde die Abhängigkeit des Regimes von Russland und dem Iran zementiert. Für Assad wäre die vollständige Einnahme der zweitgrößten Stadt nach Damaskus der wichtigste militärische Sieg seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011. Die Chancen des heterogenen Rebellen-Lagers, das von extremistischen Kämpfern des Islamischen Staates (IS) über Kurden-Milizen bis hin zu westlich orientierten Aufständischen reicht, den verhassten Präsidenten zu stürzen, sinken damit fast auf Null. "Natürlich ist dies nicht das Ende des Krieges", räumt ein hochrangiger pro-Assad-Politiker ein. "Aber wenn Sie Aleppo einnehmen, kontrollieren Sie 90 Prozent der fruchtbaren Gebiete Syriens. Es sind die Regionen mit den größten Städten, Märkten und Bevölkerungsanteilen."
Unlösbare Aufgabe
Wenn es Assad gelingen sollte, seine Herrschaft im ganzen Land wiederherzustellen, steht er vor der fast unlösbar erscheinenden Aufgabe des Wiederaufbaus: Große Teile vieler Städte liegen in Trümmern, die Infrastruktur ist in weiten Teilen zerstört, Hunderttausende Menschen wurden getötet, elf Millionen Syrer vertrieben, die Hälfte davon flüchtete außerhalb des Landes. International ist der 51-Jährige bis auf seine Verbündeten Russland und Iran isoliert. Der Westen hat die syrische Regierung bereits mit Sanktionen belegt. Nichts deutet darauf hin, dass die EU, die Türkei, die arabischen Golfstaaten oder Jordanien an alte Beziehungen nach einem Sieg Assads wieder anknüpfen wollen. Diese Länder waren jedoch wichtigste Handelspartner vor Ausbruch des Bürgerkrieges und bedeutender Grund für die wirtschaftliche Prosperität. "In Syrien sind derart tiefe Wunden geschlagen worden, dass nach meiner Einschätzung immer ein Tag der Abrechnung drohen wird", prophezeit Nikolaos Van Dam, früherer niederländischer Diplomat und Autor eines Buches über syrische Geschichte und Politik. Assad zählt zu den Alawiten, einer Abspaltung von der schiitischen Glaubensrichtung innerhalb des Islam. Sie stellen eine Minderheit in Syrien, die die sunnitische Mehrheit beherrscht. Viele Alawiten installierte Assad in führenden Regierungs- und Militärposten, um seine Macht abzusichern. Auch wegen dieser Bevorzugung wurden in den sechs Jahre Bürgerkrieg die Gegensätze zwischen den Glaubensgemeinschaften immer größer. Zudem hat Assad im Krieg vorwiegend Städte im Visier gehabt und der Zivilbevölkerung unendliches Leid zugefügt. Es werde für "viele, viele, viele Jahre" sehr schwer sein, hier eine Aussöhnung zu erreichen, fürchtet Van Dam.
Dem Ziel näher
Mit dem Fall Aleppos könnten national gesinnte Rebellengruppen geschwächt und die Jihadisten gestärkt werden, erklärt Rolf Holmboe, früherer dänischer Botschafter in Damaskus und Mitarbeiter des kanadischen Institutes für globale Beziehungen. "Assad ist damit seinem Ziel näher, die Aufständischen als Terroristen zu brandmarken." Er wolle den Westen dazu bringen, gemeinsam gegen "Terroristen" zu kämpfen. Einstweilen kann sich Assad nur auf Russland und den Iran stützen. Seine militärischen Erfolge sind kaum denkbar ohne die Hilfe der russischen Luftwaffe sowie vom Iran gesteuerter schiitischer Milizen, wie die libanesische Hisbollah. Auch wenn er die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet wiedererlangen sollte, wird er weiterhin deren Hilfe brauchen. Beobachter rechnen damit, dass mit wachsenden Erfolgen der syrischen Armee Jihadisten an Einfluss gewinnen und zu einer asymmetrischen Kriegsführung übergehen. Das heißt mehr Selbstmord-Attentate und Angriffe aus dem Hinterhalt.
Die Herrschaft des Rechts
"Wer regiert Syrien heutzutage? Es sind die Russen und Iraner", sagt Abdulaziz al-Sager, Chef des Golf-Forschungszentrums in Jeddah in Saudi-Arabien. In Wirklichkeit verliere Assad den Krieg. Auch nach russischen Angaben sei die Stellung des Präsidenten nicht gefestigt. "Unsere Regierung hat immer gesagt, wir unterstützen nicht die Person Assad, aber die Herrschaft des Rechts in dem Land", sagt der stellvertretende Vorsitze des Auswärtigen Ausschusses des Parlaments in Moskau, Wladimir Dschbaraow. Unklar ist bisher, wie die USA auf die sich ändernden Verhältnisse in Syrien reagieren werden. Der designierte US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, sein Land künftig aus Konflikten herauszuhalten, die nicht das unmittelbare Interesse der USA berühren. Assad ist allerdings nicht machtlos der Hilfe Moskaus und Teherans ausgeliefert, um sich gegen innere und äußere Gefahren wehren zu können. Auch Russland und Teheran müssen bisher auf Assad bauen, wenn sie ihren Einfluss in Syrien halten wollen. Er rechtfertigt das Engagement beider Länder in Syrien. Für Russland ist Assad zudem Garant der Marinebasis in Tartus - dem einzigen russischen Flottenstützpunkt im Mittelmeer.
Eine personelle Alternative an der Spitze des Staates zeichnet sich nicht ab. Ein Putsch gegen Assad im inneren Machtzirkel erscheint unwahrscheinlich. Der 51-Jährige streue gezielt unter möglichen Konkurrenten Gerüchte, berichtet der frühere Freund Assads, Ayman Abdel, der Syrien 2007 verlassen hat. "Einer hasst den anderen."
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