Das Phantom des Islamischen Staates
Gerade einmal zwei Fotos existieren von ihm. Doch gilt Abu Bakr al-Baghdadi als gefährlichster Terrorist der Welt: Bislang waren kaum Details zum Leben des IS-Oberhaupts bekannt. Ein Team von SZ und ARD hat nun unbekannte Fotos und Dokumente aus der Vergangenheit des selbsternannten Kalifen gefunden. Die Reporter zeichnen damit genau nach, wie aus dem promovierten Theologen das „Phantom“ werden konnte, das der Chef des „Islamischen Staates“ nun für den Westen ist.
"Er liebte die Macht"
Einer seiner Kinderfreunde berichtet, dass er „immer der Anführer sein wollte: Er liebte die Macht“, sagt der junge Mann, der nicht erkannt werden will, weil er hat Angst davor hat, was Abu Bakr al-Baghdadi ihm antun könnte. Schulzeugnisse, von den Journalisten ausgegraben, belegen, dass Al-Baghdadi kein schlechter Schüler war; durch die Matura rasselte er dennoch. Englisch soll ihm Probleme bereitet haben.
Seine einstigen Weggefährten scheinen ohnehin überrascht von dem Weg, den Al-Baghdadi nun eingeschlagen hat. „Wir haben zuerst nicht geglaubt, dass er der Kalif ist“, sagt der junge Mann aus Samarra im Interview. Dass der IS-Anführer, wie er selbst behauptet, vom Propheten Mohammed abstamme, lässt sich nicht belegen – keinerlei Unterlagen deuten darauf hin. „Er stammt aus einer ganz normalen Mittelschicht-Familie.“
"Nicht qualifiziert"
Anfang der 1990er geht Al-Baghdadi, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Ibrahim Awwad Ibrahim, an die Bagdader Universität - um den Wehrdienst zuvor kommt er herum: Sein Militärakt bescheinigt, dass er zu kurzsichtig dafür ist.
An der Uni belegt er Kurse an der Fakultät für Islamwissenschaft. Allerdings ist auch dort nicht klar, wohin es ihn führen wird: Al-Baghdadi hat lediglich „bescheidene Noten“, wie ein Universitäts-Beamter sagt. „Er ist nicht qualifiziert für eine Führungsposition“, sagt der Mann, der ebenfalls nicht gezeigt werden will.
Das Jahr 2003 stellt einen Wendepunkt in Al-Baghdadis Leben dar. Der Sturz Saddam Husseins und den Aufstieg der El Kaida erlebt der junge Iraker noch an der Universität, wo er gerade an seiner Doktorarbeit schreibt – mitten in der Arbeit daran wird er aber verhaftet. Warum, ist unklar; gesichert ist jedoch, dass Al-Baghdadi ins US-Gefangenenlager Camp Bucca gebracht wird. Dort beginnt dann auch seine Radikalisierung: In dem berüchtigten Lager bekommt der junge Student seine Ausbildung – das Gefängnis dient als Rekrutierungslager El Kaidas und später des IS.
Religiöse Rechtfertigung
Nach seiner Entlassung wird Al-Baghdadi zum Muezzin einer Moschee berufen. Seine Tätigkeit beschränkt sich dort aber nicht auf die Lehre des Islam – bereits damals dürfte er bei der El Kaida gewesen sein. Die Doktorarbeit beendet er währenddessen mit einem „Sehr Gut“, obwohl sich sein Doktorvater an vielen Rechtschreibfehlern stört. Nachprüfen lässt sich die Qualität nicht: Die Universität sagt, dass die Arbeit unauffindbar sei, alle drei Ausgaben seien gestohlen worden.
Nach seiner Promotion verschwindet Al-Baghdadi komplett von der Bildfläche. Keinerlei offizielle Dokumente existieren mehr, die seinen Weg beschreiben könnten. Experten sind der Meinung, dass Al-Baghdadi fortan in der El Kaida einen steilen Aufstieg macht - und schon damals soll er äußerst radikale Positionen vertreten: Wie auch jetzt findet der Gelehrte noch für die schlimmsten Gräueltaten eine religiöse Rechtfertigung.
Zum Video der ARD geht es hier, zum Bericht der Süddeutschen hier.
Kommentare