13 Jahre danach: Wer war schuld an Frankreichs schlimmstem Flugzeugunglück?
Aus Paris von Simone Weiler
Es waren vier fatale Minuten im Cockpit des Flugs AF 447 von Rio de Janeiro nach Paris in der Nacht des 31. Mai 2009, in denen das Todesurteil aller Insassen fiel. Durch eine Vereisung der sogenannten Pitot-Sonden lieferten diese plötzlich keine Informationen mehr über die aktuelle Geschwindigkeit des Airbus, der eine Gewitterzone durchflog.
"Ich habe keine Kontrolle"
Weil einer der Piloten – fälschlicherweise, wie man heute weiß – davon ausgegangen war, dass die Maschine absank, versuchte er, sie nach oben zu ziehen. Daraufhin setzten schrille Warnmeldungen ein. „Stall – stall – stall“, hallte es in der Pilotenkabine, um auf den Strömungsabriss hinzuweisen. „Ich verstehe nicht, was passiert“, rief der Co-Pilot noch in Panik. „Ich habe keine Kontrolle mehr über das Flugzeug.“ Zu diesem Zeitpunkt fiel dieses bereits ab und stürzte aus 11.000 Metern Höhe in den Atlantik vor der Küste Brasiliens.
Alle 216 Passagiere aus 32 verschiedenen Ländern, unter ihnen 28 Deutsche, kamen ums Leben, ebenso wie die zwölf Crewmitglieder. Nach fünf Tagen konnten die ersten Leichen geborgen werden. Erst zwei Jahre später wurde das Wrack mit den Flugschreibern in 4.000 Metern Meerestiefe gefunden.
Juristisches Tauziehen
Es folgten jahrelange Ermittlungen, die dazu dienten, die Ursache der Katastrophe herauszufinden, und ein juristisches Tauziehen um die mögliche Schuld des Flugzeugbauers Airbus sowie der Luftfahrtgesellschaft Air France. Nach einer Einstellung des Verfahrens 2019 revidierte ein Berufungsgericht diese Entscheidung und machte den Weg für einen Prozess gegen die beiden Unternehmen frei. Dieser begann gestern in Paris.
Air France im Zwielicht
Es wird darin viel um technische Details gehen, aber auch um allgemeine Fragen der Verantwortlichkeit. Denn Probleme mit den Pitot-Sonden waren längst bekannt gewesen. Allein in den 15 Monaten vor dem Unglück gab es 16 Berichte über durch sie ausgelöste gefährliche Situationen bei anderen Flügen. Doch im Gegensatz zu den Luftfahrtgesellschaften Air Caraïbes und XL Airways verzichtete Air France auf den Austausch der fehlerhaften Sonden.
Schuldzuweisungen
Dem Unternehmen wird darüber hinaus vorgeworfen, die Piloten nicht auf eine dadurch ausgelöste Extremsituation vorbereitet zu haben. Airbus wiederum wird beschuldigt, die Störungen unterschätzt und die Luftfahrtgesellschaften nicht ausreichend informiert zu haben. Beiden Konzernen drohen Strafen in Höhe von 225.000 Euro. Um die Entschädigungen der Opferfamilien wird es nicht gehen, die laut französischen Medienberichten weitgehend abgeschlossen sind.
Vor allem aber steht das Image von Air France und Airbus als eine der sichersten Fluggesellschaften beziehungsweise als verlässlicher Flugzeugbauer auf dem Spiel. Beide Firmen weisen die Verantwortung von sich. Ihre Verteidigung sieht die Schuld bei den Piloten, die Fehler gemacht hätten, und bei den Flugbehörden, die es an Vorgaben mangeln ließen.
„Es scheint, dass jeder versucht, den Schwarzen Peter von sich zu schieben“, sagte Sébastien Busy, Anwalt mehrerer Hinterbliebener, im Vorfeld des Prozesses. 411 Parteien treten als Nebenkläger auf. Das Urteil wird für den 8. Dezember erwartet.
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