© dapd

Politik
05/01/2012

1. Mai: Marsch durch sechs Jahrzehnte

Tausende Genossen ziehen heute wieder durch die Stadt. Sie feiern sich selbst und das Rote Wien. Zwei Veteranen blicken zurück.

Um acht Uhr Vormittag marschiert Albrecht Konecny wieder. Wie jedes Jahr. Abmarsch in der GentzgasseAbmarsch zum Mai-Umzug der Wiener SPÖ. "Währing war immer meine politische Heimat", sagt Konecny, der heuer seinen 70er feiert. Der Wiener ist ein SPÖ-Urgestein, ein Parteifaktotum. Er saß im Nationalrat, im Bundesrat und im EU-Parlament; er war Herausgeber der Arbeiterzeitung und hat seit 1946, seit es die Aufmärsche wieder gibt, nur einen einzigen versäumt. Doch auch an jenem Tag, Anfang der 70er-Jahre, marschierte er. Nur eben nicht in Wien, sondern mit den Genossen in Tirol.

In den ersten Jahren nach ’45 sei der Aufmarsch ein "großes Ballyhoo" gewesen, sagt er. "Es gab Hunderttausende, die in den Jahren davor den ,Tag der Deutschen Arbeit" nicht sonderlich geschätzt haben. Außerdem waren die Leute hungrig." Als Präsident Karl Renner 1951 aufgebahrt wurde, "hat sich die Warteschlange um viele Häuserblocks gewickelt".

Mehr als 60 Jahre sind seither vergangen. Der Mai-Aufmarsch ist geblieben. Für Konecny ist der größte Unterschied zu damals, dass es kaum mehr Zuseher gibt: "Die Zahl der Aktiven hat sich nicht gigantisch verändert", sagt er. "Jedes Jahr sind es über 100.000 Teilnehmer. Früher gab es aber schon in den Bezirken ein Spalier an Zuschauern. Heute stehen ein paar Touristen am Ring."

Touristenattraktion?

Immerhin: Die Touristen bekommen in Wien eine österreichische Spezialität zu sehen. "Einen der letzten traditionellen sozialdemokratischen Mai-Aufmärsche", sagt Konecny. In Graz haben die Sozialdemokraten die Veranstaltung heuer (so wie in vielen anderen Städten Europas) in eine Standkundgebung umgewandelt. Ist das rote Schaulaufen mit Blasmusik, Fahnen und Wimpeln ein Auslaufmodell?

Keinesfalls, wenn es nach Konecny geht. Er spricht vom erweiterten Maifest im Prater und davon, dass auch eine rote Binnenveranstaltung seine Berechtigung habe. "Es ist ein gutes Zeichen, wenn es abseits der ganzen Werbung noch Platz für einen internen Feiertag gibt, ein Fest für den harten Kern." Ein rotes Familienfest, das auch als Sinnbild Wiens stehen kann. Nehmen heute auch kurdische, alevitische und türkische Gruppen an dem Marsch teil, "so hatten wir früher die Wiener Tschechen dabei. So spiegelt der 1. Mai auch die Veränderungen in der Stadt wider".

Der erste freie 1. Mai

Es sind Veränderungen, die auch Ernst Nedwed bezeugen kann. Wie Konecny ist er einer jener 100.000 Genossen, die sich auf dem Rathausplatz jährlich ihre Freundschaft versichern und das Rote Wien beschwören. "Ich bin hier 64 Mal aufmarschiert. Von Rudolfsheim auf den Rathausplatz", sagt der 83-Jährige, der für die SPÖ im Nationalrat saß. Um ihn herum treffen Bauarbeiter die letzten Vorbereitungen für das Spektakel. Kanzler und Bürgermeister werden hier mit Nelke am Revers aufmarschieren, ebenso Gewerkschaftsbosse und die vielen Funktionäre.

Nedweds Erinnerungen reichen weit zurück. "Ich glaube, mich an den letzten Maiaufmarsch vor dem Weltkrieg erinnern zu können", sagt er. Vor seinem inneren Auge tauchen bunt geschmückte Fahrräder vor dem elterlichen Haus im 15. Bezirk auf. "Ein Jahr später, 1933, haben die Austrofaschisten den Aufmarsch dann verboten." Es sollte 13 Jahre dauern, ehe er mit 250.000 anderen den "ersten freien 1. Mai" feiern konnte. "Es war ein Gefühl der Erleichterung", sagt Genosse Nedwed, der im Krieg aktiv Widerstand gegen die Nazis leistete. Doch viele von jenen, die kurz zuvor noch unter dem Hakenkreuz defilierten, gaben sich auch am 1. Mai 1946 wieder die Ehre. "Als wäre nichts gewesen", sagt Nedwed.

Für ihn ist der Tag bis heute ein besonderer. Es gehe um Gerechtigkeit, um Demokratie und um den Glauben, durch Engagement Dinge zu verändern. Sind das nicht hohle Phrasen angesichts einer bei den Leuten als korrupt geltenden Politikerkaste und einer Finanzkrise, die auch Sozialdemokraten nicht verhindert haben? "Verhindert nicht", glaubt Nedwed, "aber besser bewältigt als andere Länder." Auch die Regierung sei besser als ihr Ruf. "Wir haben die geringste Arbeitslosigkeit in Europa. Arbeiten wir daran, dass es so bleibt."

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.