Politik
05.12.2011

1,2 Milliarden Katholiken und Probleme

Es gibt 15 Millionen Gläubige mehr seit 2010, dennoch verliert die Kirche Menschen und Geld.

In Spaniens Hauptstadt Madrid gingen am Mittwoch Tausende auf die Straße. Nicht, um mit einer Million Menschen den 26. Weltjugendtag zu begehen, sondern um dagegen anzugehen. Dass in dem 46-Millionen-Einwohner-Land, in dem sich 75 Prozent als Katholiken begreifen, protestiert wurde, hat weniger mit einer Glaubensabkehr als mit der kolportierten 50 bis 100 Millionen Euro teuren Veranstaltung selbst zu tun. Der Staat muss sparen.

Welches Bild sich dem Papst bei seinem 25 bis 30 Millionen Euro teuren Deutschlandbesuch (22.- 25. 9.) bieten wird, ist ungewiss. Benedikts Heimat zählte zuletzt 181.193 Kirchenaustritte. Nach Bekanntwerden von sexuellen Missbrauchsfällen verringerte sich der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung (81,7 Millionen) auf 30,2 Prozent. Zudem rufen Plattformen zu Protestaktionen während der Pontifex-Reise auf. Ihnen geht es - wie in Österreich - um Reformen in der Kirche.

In Österreich traten 2010 mehr als 87.000 Menschen aus der Kirche aus. 5,45 von 8,4 Millionen Österreichern bekennen sich zu ihr. Während die Zahl der Priester leicht steigt, sinken die Kirchenbeitrags-Einnahmen signifikant. Prekärer ist die finanzielle Lage in Irland. 88,6 Prozent der 4,5 Millionen Iren sind röm.-kath. Die gezahlten Entschädigungssummen an Missbrauchsopfer ruinierten ganze Diözesen.

Dem Klerus traditionell stark zugewandt sind Polen, Portugal und Italien, deren Bevölkerungen je zu rund 90 Prozent katholisch sind.
In Dänemark, Norwegen und Schweden ist nur je ein Prozent katholisch.

Nordamerika

Hier leben 69,5 Millionen Katholiken, der Großteil von ihnen in Kanada und nordöstlichen und südwestlichen US-Bundesstaaten. Die USA gelten als "christliche Supermacht". Obwohl Staat und Kirche getrennt sind, bekannten sich bisher fast alle US-Präsidenten zu ihrem Glauben und begründeten ihre politischen Ziele mit christlichen Werten.

Die Zahl der US-Katholiken blieb in den letzten Jahren trotz Skandalen stabil. Nur die Zahl der Priester sank in zwischen 1999 und 2009 um sieben Prozent. Laut Nationalem Kirchenrat gibt es seit 2011 einen Zuwachs an Gläubigen von 0,6%, ausgelöst durch den Zuzug spanischsprachiger Einwanderer aus Lateinamerika. Sie gleichen die Zahl der Kirchenaustritte aus, die auf Missbrauchsskandale folgten. Die Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe brachte viele Kirchengemeinden an den Rande der Zahlungsunfähigkeit. Seit 1950 musste die katholische Kirche in den USA mehr als 2,6 Milliarden Dollar an die Opfer zahlen.

Südamerika

Trotz seines Images als "katholischster" Kontinent der Erde laufen der Kirche in Lateinamerika die Priester und Gläubigen davon. Brasilien, ein Land mit 195 Millionen Einwohnern, darunter 164 Millionen Katholiken, verzeichnet die stärkste Abkehr zu protestantischen Freikirchen. Waren es 1980 noch 90 Prozent Katholiken sind es heute nur mehr 64 Prozent. Mangelnde Seelsorge und fehlendes Gemeinschaftsgefühl treibt laut Experten Arme in die Hände von finanzstarken Freikirchen und Sekten. Die großteils aus den USA stammenden Bewegungen bieten Massen-Gottesdienste mit Show-Elementen.

Im Gegensatz zu katholischen Hochburgen El Salvador und Panama ist der Katholizismus in Uruguay am schwächsten ausgeprägt. Nur 26 Prozent der rund drei Millionen Einwohner sind praktizierende Katholiken. Bis in die 1960er-Jahre spielten hier Religion und Kirche keine Rolle. Grund dafür waren liberale Bewegungen und antiklerikale Kräfte, die es den Missionaren schwer machten. Im Gegensatz dazu Mexiko mit 98 Millionen Katholiken.

Die Mexikaner erschüttert jedoch ein Skandal um den Orden der " Legionäre Christi". Deren Gründer, Marcial Maciel Degollado, geriet 2006 unter Beschuss, da er sich seit den 1960er-Jahren an Kindern vergriffen haben soll. Papst Benedikt XVI genießt in Südamerika im Gegensatz zu seinem Vorgänger Johannes Paul II. nicht viel Sympathien. Wegen seines bisher einzigen Besuchs am südamerikanischem Kontinent wirft man ihm mangelndes Interesse und einen zu starken Fokus auf Europa vor.

Afrika

Die Zukunft der katholischen Kirche liegt in Afrika. Mittlerweile bekennen sich von den 993 Millionen Afrikanern 179 Millionen zum röm.-kath. Glauben. Die Anzahl hat sich in den letzten dreißig Jahren verdreifacht. Zudem: Wer sozial aufsteigen möchte, wird oft Priester. Trotz dieses Zuwachses ist die Kirche allerdings auch mit Problemen konfrontiert.
In Ländern wie Simbabwe (15 Millionen Einwohner, davon 1,7 Millionen Katholiken) oder Kamerun (ein Viertel der 19,35 Millionen Einwohner ist katholisch) versteht
sich die Kirche als Konterpart zum Regime. Nicht ohne Folgen. Bomben detonieren vor Gotteshäusern, Gläubige werden in ihrer Religionsausübung eingeschränkt.

2007 veröffentlichte Stephan Hippler, bis 2009 Priester in Kapstadt, ein Papst-kritisches Buch, in dem er sich für Kondome ausspricht. "HIV ist in Afrika ein weitaus größeres Problem als die Religionsfreiheit." Die Sexuallehre der Kirche verbietet die Verwendung von Verhütungsmitteln. Benedikt XVI. lockerte 2010 das Kondomverbot geringfügig.

Asien

Von den 4,1 Milliarden Asiaten, die zum Großteil buddhistischen, daoistischen oder islamischen Glaubensgemeinschaften angehören, bekennen sich rund 125 Millionen zum röm.-kath. Glauben. Tendenz steigend. Die Anzahl der Priester erhöhte sich von 2008 auf 2009 um 30,5 Prozent. Auf den Philippinen und dem Inselstaat Osttimor sind achtzig Prozent der Einwohner katholisch.

Das Christentum ist in diesen Staaten während portugiesischer und spanischer Kolonialherrschaft entstanden. 1951 brach China mit dem Vatikan und gründete die "Patriotische katholische Vereinigung" mit fast 500.000 Mitgliedern. Die Untergrundkirche, die dem Papst treu bleibt, zählt doppelt so viele Anhänger. Das schützt aber nicht vor Verhaftungen. Anfang August wurden zwei Priester einer Untergrundkirche verhaftet. Nur in Ländern wie den Philippinen, wo der Katholizismus historisch gewachsen ist, gibt es weniger Probleme. Obwohl Staat und Kirche verfassungsrechtlich getrennt sind, hat die Kirche Einfluss auf gesellschaftspolitische, soziale oder ökonomische Interessen.

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