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Meinung
03/25/2019

Wir müssen reden

Wir müssen lernen, über Sex zu sprechen. Denn unser aktuelles Unvermögen hemmt uns, mit dem Thema sexuelle Gewalt richtig umzugehen.

von Anna-Maria Bauer

Die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel hat vergangene Woche einen Mann angezeigt, der sie auf der Zugfahrt von Wien nach Graz sexuell belästigt haben soll. Sie schilderte den Vorfall in den sozialen Medien – und die zwei Arten von Reaktionen waren erschreckend. Und ob ihrer Erwartbarkeit frustrierend.

Erstens: Mehrere Medien mussten die Kommentarfunktion unter dem Artikel sperren, weil User geschmacklose, niederträchtige Kommentare absetzten.

Zweitens: In jenen Foren, die offen blieben, schildern Dutzende Menschen (fast ausschließlich Frauen, aber auch einige Männer) von eigenen, ähnlichen Erlebnissen. In der U-Bahn, im Zug, in der Sauna. Viele schreiben, dass sie in einer derartigen Schockstarre waren, dass sie nicht reagieren konnten. Den Täter weder anzeigten (was teilweise bei der damaligen Gesetzeslage noch nicht möglich war), noch zur Rede stellten.

All das zeigt, wie viel Aufholbedarf wir beim Thema sexuelle Gewalt haben. Wir geben vor, in einer offenen Gesellschaft zu leben, verurteilen gerne andere Nationen für ihre Rückständigkeit. Dabei sind wir beim Thema Sexualität selbst noch unglaublich gehemmt. Und das ist nicht zu entschuldigen, weil es uns auch daran hindert, sexuelle Gewalt richtig zu thematisieren.

Denn es kann nicht sein, dass eine Person, die sich traut, über ihre Erlebnisse öffentlich zu sprechen, diffamiert, bedroht, angezweifelt wird. Dass Belästigungen, Übergriffe, Begrabschungen als Nichtigkeit abgetan werden. Und ebenso wenig, dass wir uns damit begnügen, dass die Zahl der – angezeigten (!) – Vorfälle in der Bahn pro Jahr im mittleren zweistelligen Bereich liegt.

Ja, es ist hässlich, dass die schönste Sache der Welt für das schrecklichste missbraucht werden kann. Und das dann mit Sex nichts mehr zu tun hat, sondern nur mehr mit Macht. Aber wir müssen endlich lernen, darüber zu reden. Zuzuhören. Zu helfen. Zu ermächtigen.

Weil die Zukunft nicht darin bestehen kann, dass wir überall Kameras installieren und alle Pfeffersprays einstecken haben.

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