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Leitartikel
10/30/2020

US-Wahl: Die Verachtung

Amerika hat die Wahl – und eigentlich erschütternd wenig Wahl: Trump oder Biden, das ist verdammt dünn.

von Andreas Schwarz

Es ist jetzt nicht so, dass amerikanische Präsidenten in der Vergangenheit nicht emotionalisiert und polarisiert hätten. Was hat die halbe Nation über den Cowboy aus B-Movies gelästert, der sich seine Bonmots auf Zettel schrieb – Ronald Reagan wurde dann einer der wichtigsten Präsidenten der Geschichte. Mit welchem Ingrimm (samt Impeachment) wurde der Hallodri Bill Clinton von der anderen Hälfte verfolgt. Wie sehr wurden die „Kriegstreiber“ George Bush I und II gehasst (und der Junior verlacht). Und wie wurde Friedensnobelpreisträger Barack Obama von Beginn weg hoffnungslos überschätzt.

Dass der gegenwärtige Amtsinhaber im Weißen Haus das alles in die Tasche steckt und  das Land entzweit wie keiner vor ihm, hat auch  mit den (neuen)   Medien und ihrer Aufgeregtheit zu  tun, die er perfekt   bedient.   Und es hat mit seinem Charakter zu tun: Keiner vor ihm hat nachweislich so viel gelogen wie Donald Trump. Keiner hat so viel Unwissen an den Tag gelegt.  Keiner hat so viel denunziert, Freund und Feind. Keiner hat auf der  Klaviatur der Verachtung so gespielt wie der frühere Reality-Soap-Star.  Und ja, es ist an Trumps  Mimik und Gestik    der Typ Mensch erkennbar, der da vier Jahre den US-Präsidenten wie in einer billigen Schmiere schauspielerte – von den Inhalten seiner Politik ganz abgesehen.

Über die lässt sich ja trefflich streiten: Ja, Trump hat einige seiner Ziele, alle unter dem Titel „America first“, erreicht. Aber um welchen Preis für die Amerikaner selbst (die Handelskriege brachten höhere Preise, die Steuerreform das höchste Defizit in der Geschichte, die vor Corona niedrige Arbeitslosigkeit war schon vor Trump im Sinkflug)? Und um welchen Preis für die um eine verlässliche Ordnungsmacht ärmere Welt?

Jetzt steht die Zukunft an: Vier weitere Jahre unter Trump oder vier mit Joe Biden? Und das Schlimme an der Frage ist: Der demokratische Herausforderer ist erschütternd schwach; niemand weiß, wohin die Reise mit ihm ginge; und niemals würde der auf eine solide, aber unspektakuläre Politkarriere zurückblickende Senior ohne Profil eine Mehrheit erringen – wenn, dann gewinnt er, weil eine Mehrheit Trump verlieren sehen will. Und mindestens so erschreckend ist: Wie kann es sein, dass eine große Nation wie die Vereinigten Staaten von Amerika nur diese Auswahl an Personal für das höchste Amt im Staate zustande bringt?

Aber ginge es nur um schwach! Trumps größter Sündenfall ist die bewusste Spaltung Amerikas über alles bisher Gekannte hinaus. Das Schüren von Hass und die Unterstützung von Hassenden. Und die allen Ernstes ins Land geschleuderte und auf Chaos und Aufruhr abzielende Behauptung, wenn er die Wahl verlöre, liege das nur an Wahlbetrug. Das ist die Verachtung der Demokratie und des Staates, dem er vorsteht. In einer Soap-Opera würde er dafür ausgebuht und durchfallen. Im echten Leben hoffentlich auch.

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