Immer mehr Prostatakrebs-Fälle: Das Leck in der Vorsorge
Männer haben in fast allen europäischen Ländern eine geringere Lebenserwartung als Frauen. Sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen seltener in Anspruch und suchen ärztliche Hilfe lange nicht auf. Das ist bemerkenswert, denn die Daten sprechen eine klare Sprache. Früh erkannt, wären viele Erkrankungen gut behandelbar, späte Befunde verschlechtern die Prognosen signifikant. Dabei existieren Vorsorgeprogramme, wie die kostenlose Prostata-Früherkennungs-Untersuchung.
Strukturierte Screeningprogramme fehlen
Das ist insofern dramatisch, als dass Prostatakrebs heute bereits jede dritte Krebserkrankung beim Mann darstellt, wie Univ. Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat, Vorstand der Universitäts-Klinik für Urologie am AKH Wien, weiß. Er rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren sogar jede zweite neue Krebsdiagnose beim Mann auf ein solches Karzinom zurückzuführen ist. Das bedeutet: Es braucht dringend eine organisierte, effektive Vorsorge.
Warum die Zahlen so massiv steigen, ist nicht in einem einzigen Satz zu begründen. Die Ursachen dafür sind komplex, mitspielen würde etwa die steigende Lebenserwartung und der Lebensstil. Apropos Lebensstil: Die Bedeutung der Früherkennung von Prostatakrebs verstärkt sich, weil nämlich keine eindeutigen Lebensstilfaktoren bekannt sind, die das Risiko beeinflussen. Während ein Rauchstopp das Lungen- oder auch Blasenkrebsrisiko senkt, gibt es keine gesicherten Erkenntnisse über präventive Maßnahmen gegen Prostatakrebs.
Der Einstieg zur Früherkennung ist nicht schwer: der PSA-Test, ein einfacher Bluttest. Und selbst wenn mehr Männer diesen in Anspruch nehmen würden, kommt hier das große Leck: Es ist wesentlich, dass dies strukturiert und organisiert wiederholt wird, ähnlich wie beim Brustkrebs-Screening bei Frauen.
Verschiebung der Kosten
Die EU hat hier vor einigen Jahren vorgelegt und empfiehlt ein solches Screening, viele Länder, wie Schweden, setzen es auch um. Empfohlen wird ein strukturiertes Programm für Männer bis 70 Jahre, das PSA-Bluttests mit einer MRT-Untersuchung kombiniert. So sollen Überdiagnosen reduziert, und damit unnötige Biopsien vorgenommen werden. In Österreich hinkt man hier aber hinterher, bislang gibt es kein organisiertes "Einladungsscreening", die Initiative basiert auf der Entscheidung Arzt und Patient. Das ist eindeutig zu wenig. Zu unkoordiniert. Zu vage. Und Kommunikationsstrategien erreichen die Männer oft wenig effektiv.
Früherkennungen verändern nicht nur individuelle Prognosen, sondern die Statik des gesamten Gesundheitssystems. Der entscheidende Effekt ist der so genannte "Stage Shift": mehr Diagnosen in frühen Stadien, weniger in fortgeschrittenen. Das klingt technisch und logisch, hat aber weitreichende Auswirkungen. Früh erkannte Tumore sind häufig gut behandelbar, und benötigen in der Regel weniger komplexe und mehrstufige Systemtherapien. Späte Stadien hingegen binden über Jahre hinweg erhebliche Ressourcen: aufwendige medikamentöse Therapien, Nebenwirkungsmanagement, im Extremfall palliative Versorgung. Gesundheitsökonomisch bedeutet das: Die Kosten verschieben sind. Denn: Frühe Diagnostik muss bezahlt werden. All das erhöht zunächst die Kosten. Doch fortgeschrittene Krebserkrankungen sind in Summe deutlich teurer. Nicht nur wegen der Behandlungen selbst, sondern wegen Komplikationen, Intensivaufenthalten und möglichen langwierigen Verläufen.
Risikoadaptierte Programme
Wichtig ist aber die Abgrenzung: Früher erkennen ist nicht automatisch besser. Ungezielte Screening-Programme können Überdiagnosen erzeugen, also entdecken, was nie klinisch relevant geworden wäre. Das führt zu unnötigen Eingriffen und Belastungen - von Mensch und System. Hochwertige Prävention ist deshalb präzise und vor allem risikoadapiert. Genau deshalb sieht die EU dies auch so vor. Österreich sollte hier zügig nachziehen und den steigenden Prostatakrebs-Fallzahlen mit einem durchdachten Vorsorgeprogramm begegnen. Die Frage ist nämlich nicht, ob wir uns frühe Diagnosen leisten können. Die Frage ist, ob wir uns dauerhaft leisten wollen, sie zu verpassen. In erster Linie, als Mensch.
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