Lobautunnel

© Kurier / Juerg Christandl

Pro & Contra
12/07/2021

Soll der Lobautunnel trotzdem gebaut werden?

Ministerin Gewessler sagte den Großbau ab. Braucht es ihn dennoch?

Es war die verkehrspolitische Bombe mit koalitionären Folgeschäden: Verkehrsministerin Eleonore Gewessler (Grüne) hat den von Wien und Niederösterreich ersehnten Lobautunnel aus Klimaschutzgründen abgesagt. Die Bundesländer zeigten sich verschnupft, der Koalitionspartner ÖVP wurde kalt erwischt. Stellt sich die Frage: Brauchen wir den Bau wirklich?

PRO

Vor 20 Jahren hatten sich die Landeshauptleute von Wien und Niederösterreich zusammengesetzt, um den Ring um Wien zu planen. Der Hauptgrund war, die Bundeshauptstadt und dort vor allem die berüchtigte Südosttangente vom Durchzugverkehr zu entlasten. Und damit die Lebensqualität für die Menschen in Wien zu heben.

Bis auf 20 Kilometer, bis auf den Lobautunnel und ein Stück der Schnellstraße S1 ist alles fertig. Dass der damalige Bürgermeister Michael Häupl den Lückenschluss nicht sofort umgesetzt hat, rächt sich jetzt. Umweltministerin Leonore Gewessler hat seinem Nachfolger Michael Ludwig das Projekt jetzt praktisch abgedreht. Gewessler argumentiert den Stopp mit Klimaschutz und Bodenverbrauch. Das klingt vernünftig und wird von den Umweltschützern auch beklatscht. Tatsächlich ist es bloß populistisch auf Kosten der Bundeshauptstadt und der Region rund um Wien.

Ob es für den Klimaschutz besser ist, ob sich die Lkw-Lawine fast täglich auf der Südosttangente durch Wien quält – Stau inkludiert – als dass mit einer Umfahrung der Durchzugsverkehr vom Stadtverkehr getrennt wird, ist die Frage. Ich glaube nicht. Der Bodenverbrauch ist bei einer Untertunnelung der Lobau auch nicht das wirklich schlagende Argument. Und ein gewisses Straßennetz wird man auch in Zukunft brauchen, gleichgültig, ob die Fahrzeuge mit Diesel oder mit Strom betrieben werden.

Lobautunnel und S1 sind keine Justamentprojekte der Betonier-Lobby. Sie sind das Ergebnis von unzähligen Expertengutachten. Selbst die Wiener Grünen, die vor allem den Lobautunnel unter die Lupe genommen hatte, erhielten eine Expertise, die nicht gegen den Tunnel war. Das kann man natürlich alles ignorieren. Aber das ist ganz sicher nicht im Sinne künftiger Generationen.

Martin Gebhart ist Leiter des Ressorts Chronik im KURIER.

CONTRA

Bei der Energie, Leidenschaft und Kampfeslust, mit der der Bau des Lobautunnels gegenwärtig verteidigt wird, ist anzunehmen, dass sich die schlechten Nachrichten doch noch nicht weit genug herumgesprochen haben. Also halten Sie sich fest, das wird jetzt unangenehm: 1. Die Erderwärmung bedroht unserer Existenz; 2. Ein Drittel der -Emissionen Österreichs verursacht der Verkehr; 3. Straßen (aus-)zubauen lindert den Stau zwar kurzfristig, führt langfristig aber zu einer Zunahme des Verkehrs, das ist wissenschaftlich erwiesen.

Zusammengefasst: Soll der Planet auch noch für Enkel, Urenkel usw. bewohnbar sein, muss der Individualverkehr zurückgedrängt werden. Straßen(aus)bau bewirkt das Gegenteil.
Das ist zweifellos unbequem – vor allem für jene, die (noch) nicht gut an den öffentlichen Verkehr angebunden sind.

Nur: Wie sollen die  ambitionierten Klimaziele, die sich die Internationale Staatengemeinschaft, die EU und eben auch Österreich gesetzt haben, denn jemals erreicht werden, wenn wir nicht mutig genug sind, massiv einzugreifen und Verkehr gänzlich neu zu denken?

Denn egal, wo man anfängt, es wird immer jemanden geben, dem diese Veränderung den Alltag erschwert. Es wird immer einen Bürgermeister geben, den das Wählerstimmen kostet, immer eine Lobby, der dadurch ordentlich Gewinn durch die Lappen geht. 

Wir können die Debatte jetzt solange bei jedem verhinderten Bauprojekt führen, bis es zu spät ist und ein Leben auf dem Planeten für kommende Generationen nicht mehr möglich ist. Oder wir lassen uns auf die Veränderung ein.

Zugegeben. Die Zukunft der Kinder ist ein unfassbar pathetisches Totschlagargument.  Aber so ist es mit der Klimapolitik. Dabei geht es um Leben oder Tod.

Elisabeth Hofer ist  Redakteurin der KURIER-Innenpolitik

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