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Gastkommentar
04/24/2020

Perspektive der Zuversicht

Seele und Körper sind Zwillinge. Auch die Wirtschaftskrise wird gesundheitliche Auswirkungen haben.

Die Seele ist der „Zwilling“ des Körpers, und beide Systeme, das physische und das psychische, stehen in Wechselwirkung für Individuum und Kollektiv.

Dazu passend stellte Mitte April der Internationale Währungsfonds eine Studie über die weltweiten Konsequenzen der aktuellen Staatskrisen vor. Sie prophezeit eine Wirtschaftsrezession, die an den dramatischen Aus- und Einbruch der Wende von den 1920er- zu den 1930er-Jahren erinnert. In Wahrnehmung ihrer Verantwortung betrauten die Regierungen deswegen Wissenschaftsakademien (Deutschland) und Thinktanks (Österreich) mit der Aufgabe, Szenarien zur Begegnung der Krisenfolgen zu entwerfen. Historiker verweisen im Rückblick auf damals – kostenlos – sofort auf eine visionäre Forschung, die von Sozioökonomen im Hinblick auf die Wirkungen von Arbeitslosigkeit unternommen worden war und bis heute ein Klassiker ist: „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel).

Hoffnung und Zweck

Darin wird mikropolitisch bewiesen, dass Arbeitslosigkeit infolge von Wirtschaftsrezession Menschen nicht nur ihrer materiellen, sondern auch ihrer ideellen Basis beraubt; nicht nur ihrer Wohnung, sondern auch ihrer Hoffnung; nicht nur ihres Zwecks, sondern auch ihres Sinns (s. Frankl) im Leben. So bitter es ist, aber die Geschichte lehrt uns: Die makropolitischen Konsequenzen – monetäre und psychophysische Depression ganzer Massen – befeuerten Stimmungen in (Mittel-)Europa entscheidend, die nach einem „starken Mann“ als ebenso radikalen wie extremen Problemlöser riefen. Was kam, wissen wir.

Obwohl der (Sub-)Kontinent heute – anders als China mit seinen Apps – von Totalitarismus Meilen entfernt ist, gilt es trotzdem achtsam zu sein, wenn sich autoritäres Gehabe (vgl. Adorno) wie bei Nachbarn im Osten im Anspruch erhebt, den Wert der Sicherheit langfristig über den der Freiheit zu stellen. Wenn überhaupt, darf das nur kurzfristig als Ausnahme vom Regelwesen erfolgen, niemals aber die Demokratie – deren essenzieller Wert die unantastbare Menschenwürde ist – Schritt für Schritt aushöhlen: im Wortsinn ein platonischer Irrweg in die Diktatur. Was bliebe, wären Schatten, nicht Lichter einer Republik.

So wenig sich angesichts drängender Probleme die einen oder anderen momentan für Geschichte interessieren mögen: Es gab schon einmal eine Generation, die der genannten Forschung zu wenig Beachtung schenkte, um strukturelle Vorkehrungsmaßnahmen auf psychosozialer Ebene zu treffen, die ihrerseits Perspektiven der Zuversicht ermöglichen. Also heißt es nicht, in martialischem Wording das abstrakte „Virus auszurotten“, sondern in empathischer Substanz den konkreten Menschen zu ermutigen: Das ist die Frohbotschaft nach Ostern gerade in Zeiten und Räumen der Enge, die nach Weite rufen.

Zur Person: Thomas Köhler ist Historiker sowie Logo- und Psychotherapeut in Wien.

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