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Gastkommentar
09/24/2020

Nicht nur der Hammer

Es ist Zeit, unsere Parameter zur Pandemie zu überdenken

Wir erleben derzeit einen erstaunlichen Twist im Narrativ: Ging es zu Beginn der Pandemie noch darum, einen Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern, so scheint es nun erklärtes Ziel zu sein, die Zahl der Neuinfektionen gegen Null zu drücken.

Denn die Situation heute ist in keiner Weise mit jener vom Frühjahr vergleichbar. Tatsächlich hat der Anstieg der Infektionszahlen nur geringe Auswirkungen auf die Auslastung der Spitalsbetten oder gar auf die Belegung der Intensivstationen. Genauer: Die Infektionen mit Covid-19 in Österreich sind heute auf dem Niveau von etwa Ende März, die Hospitalisierungen aber erleben eine Steigerung auf sehr niedrigem Niveau (am 15.09. knapp unter 300, unter 50 Patienten auf den Intensivstationen).

Ein ähnliches Bild zeigt sich in anderen europäischen Ländern. Der drohende Kollaps des Gesundheitssystems ist nicht im Ansatz erkennbar und laut Experten auch nicht zu erwarten. Die Gründe dafür sind multifaktoriell: Zum einen sind vermehrt jüngere Menschen betroffen, die vor allem milde Verläufe zeigen, zum anderen ist selbst ein schwererer Verlauf durch eine optimierte Therapie besser beherrschbar.

Nicht zuletzt wird diskutiert, ob das Virus nicht bereits infektiöser wurde, sich dafür aber abgeschwächt hat.

Ein Kollaps, den wir hingegen tatsächlich erleben, ist jener der Wirtschaft. Laut Prognosen der OECD wird Österreich den größten Wohlstandsverlust der Nachkriegszeit verzeichnen, wobei die erste Welle mit ihrem Lockdown deutlich tiefere Spuren hinterlassen hat (Österreich minus 6,2 Prozent, Deutschland minus 6,8 Prozent, in Frankreich minus 11,4 Prozent) als die „zweite Welle“, die eher eine „Dauerwelle“ sein wird.

Das bedeutet: Auch wenn sich die Gesundheitskrise noch einmal verschärfen sollte, müssen die sozialen und wirtschaftlichen Folgen in die Gleichung miteinbezogen werden. Denn eines ist auch klar: Selbst mit einer Impfung werden die Probleme nicht vom Tisch sein.

Was Leadership heute auszeichnen sollte, ist klares Denken, Urteilsvermögen und gesunder Menschenverstand. Ein Leader muss in der Lage sein, den Succus aus unterschiedlichen Expertisen zu extrahieren, um pragmatische Entscheidungen zu treffen. Wer primär Infektionen zählt und mit chaotischen Maßnahmen Kollateralschäden ungeahnten Ausmaßes in Kauf nimmt, der erweist der Gesellschaft einen Bärendienst.

„Wer als einziges Werkzeug einen Hammer besitzt, für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.“ Dieses Zitat, das unter anderem dem Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick zugeschrieben wird, trifft den Nagel auf den Kopf: höchste Zeit, unsere Werkzeugkiste im Umgang mit der Pandemie neu zu bestücken.

Richard Straub ist Gründer und Präsident des Global Peter Drucker Forums.

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