© Lukas Ilgner

Gastkommentar
09/29/2020

Mit Bleistift und Papier gegen das Corona-Virus?

Wie wir uns die Zettelwirtschaft beim Wirt ersparen können.

Die steigenden Corona-Zahlen und der Start in die kalte Jahreszeit zwingen nun die Wiener Wirte, Anwesenheitslisten ihrer Gäste zu führen. Die Idee ist nachvollziehbar, denn das Contact-Tracing spielt im Kampf gegen die Pandemie eine essenzielle Rolle.

Aber wollen wir diesen Kampf wirklich mit den Waffen Bleistift und Papier aufnehmen? Zur traditionellen Zettelwirtschaft gäbe es eine Alternative – und zwar auf unserem Smartphone. Eine App wäre wesentlich einfacher, wesentlich zuverlässiger und wesentlich schneller.

Sie erspart dem Wirt, Listen aufzulegen, Bleistift und Kuli bereitzuhalten, sie erspart dem Gast, in die Liste Namen und Nummer einzutragen. Und sie würde auch den Heerscharen an Contact Tracern mühevolle Kleinarbeit ersparen.

Der Wirt könnte bei jedem Gast rasch kontrollieren, ob die App installiert und aktiv ist. Und in einem Verdachtsfall erfolgt die Information automatisch. Im Unterschied zu den offenliegenden Listen passiert die Erfassung auf der App pseudonymisiert. Die Daten sind damit wesentlich besser geschützt als in der Schublade im Wirtshaus.

Aus Deutschland, das seit Wochen Gästelisten per Hand führt, wissen wir, dass „Mickey Mouse“, „Kim Kardashian“ und „Christiano Ronaldo“ besonders oft ausgehen. Ähnlich bizarr wirken im Jahr 2020 Aufrufe in Zeitungen,„ wer am Donnerstag um 17.23 Uhr mit dem Regionalzug von Wien nach Graz gefahren ist“. Man bräuchte auch dafür nichts anderes als eine App.

Warum lassen wir uns im Kampf gegen die Pandemie nicht von der Technologie unterstützen? Sie ist unser Verbündeter. Doch die Technologieskepsis und -feindlichkeit in unserem Land wird mit Corona richtig spürbar. Steht ein Politiker auf und empfiehlt die App, werden die Rufe nach dem Überwachungsstaat so laut, dass die Stimmen der anderen übertönt werden. Und das sind nicht nur die Stimmen der Digitalisierungs-Evangelisten, zu denen ich mich zähle, sondern auch die Stimme von Österreichs umjubelten Datenschutz-Messias Max Schrems, der die Stopp-Corona-App auf Herz und Nieren getestet hat und empfiehlt.

Technologie verändert unser Leben. Das ist kein Geheimnis. Wir werden in Österreich die Digitalisierung nicht aufhalten können. Wir haben nur die Wahl, sie zu nutzen oder sie zu bekämpfen – wie Don Quijote gegen die Windmühlen. Die Digitalisierung schafft Wirtschaftswachstum, die Digitalisierung schafft Wertschöpfung, die Digitalisierung schafft Arbeitsplätze. Die Digitalisierung vereinfacht unser Leben. Aber sie kann uns auch bei den großen Herausforderungen unterstützen. Es liegt an uns, Tech for good zu nutzen.

Michael Zettel ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Accenture in Österreich. Accenture hat die Stopp-Corona-App entwickelt und programmiert.

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