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Meinung
08/03/2019

Meinungshoheit statt Diskurs

Am Beispiel Flugschämen: Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse - eine Debatte, ein Für und Wider ist nicht mehr gefragt

von Andreas Schwarz

Flugverspätungen, Überbuchungen, volle Airports, Ärger mit Gepäck und versteckten GepäckskostenFliegen ist nicht mehr lustig, lesen wir heute.

Gut so!, sagen Umweltbewegte, die „Flugschämen“ zur neuen Moral erklärt haben: Fliegen ist umweltschädlich wie sonst kaum ein Tun des Menschen (außer Autofahren, Gasheizen, Fleischessen, Computern, ...), demnächst werden Demonstranten auch an oder auf den Zufahrten zu Flughäfen schlechtes Gewissen verteilen. Einwände, dass Fliegen nur für gerade zwei Prozent des menschgemachten -Ausstoßes verantwortlich ist und der nur zwei Prozent der gesamten -Produktion ausmacht, dass Flugzeuge zwar mehr, aber sauberer werden, werden als verbohrtes Abweichlertum, als Häresie von der herrschenden Meinung weggefegt. Und da sind wir beim Thema.

Ob Umwelt, Gesellschaftspolitik oder Geschmack: Alte Tugenden wie Debatte und Austausch, Für und Wider, Abwägen und Bereichern sind längst an den Nagel gehängt. Es regiert die Verurteilung. Die Meinungshoheit haben sich selbst befeuernde Blasen im Sozialen Netz übernommen. Der neue Stil der diffamierenden Meinungsarroganz ist aber auch abseits des Netzes anzutreffen.

Kategorische Vermessung der WeltDas betrifft nicht nur Umweltthemen, es steht exemplarisch für die kategorische Vermessung der Welt, in der selbst die Frage nach Sinn/Unsinn von Völkerball zum Meinungskrieg führt. Wer zum Beispiel den Klimawandel fürchtet, aber den Marketing-Aktionismus der Familie Thunberg gar nicht gut findet, der ist Rechtspopulist, wenn nicht Faschist oder Schlimmeres, ohne Pardon.

Wer das Geschäft des E-Scooter-Unfugs genauso hinterfragt wie den apodiktischen Zeigefinger, der den Menschen den Fleischkonsum austreiben will, der lebt für die Meinungsführer im besten Fall hinter dem Mond. Neue Totschlag-Abqualifizierung: „weißer Mann“ oder gar „alter weißer Mann“, der den vermeintlich politisch korrekten Trend nicht versteht.

Seenotrettung als humanitäre Pflicht zu sehen, selbstverständlich, aber hinter manchen Seenotrettern (Kapitänin Rackete) unzulässige politische Propaganda zu erkennen? – pfui Teufel, was für ein Unmensch muss man sein!

Das funktioniert auch in die umgekehrte Richtung: Wer soziales Gewissen artikuliert, oder berechtigte Umweltsorgen, wer Trump und Johnson für gefährliche Rattenfänger hält, der bekommt von der Meinungsherrschaft auf der anderen politischen Seite schnell die abwertende Punze „linker Gutmensch“ umgehängt.

Es gibt kein „ich denke“ oder „ich glaube“ am Beginn einer Argumentation mehr, die zum Diskurs einlädt. Es gibt nur noch Schubladen, das ist viel einfacher: Gut gegen Böse, Links gegen Rechts, Schwarz oder Weiß, kein Grau, nur noch: „Es ist so. Punkt.“ Fliegen oder nicht fliegen wäre nur einer von vielen Anlässen, darüber nachzudenken.