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Meinung
11/04/2019

Männer haben mehr Vertrauen verdient

Wer Männern pauschal misstraut, tut unserer Gesellschaft keinen Gefallen.

von Christoph Schwarz

Fremde Erwachsene – vielfach Männer – raufen mit Kleinkindern, rollen mit ihnen über den Boden, umarmen sie. Der Verein „Original Play“, der Derartiges in Kindergärten und Schulen anbietet, sieht sich seit Tagen mit heftiger Kritik konfrontiert. Zu Recht. Die Bilder muten eigentümlich bis verstörend an. Pädagogisch hinterfragenswert ist es obendrein. (Warum sollte ein Erwachsener das mit ihm unbekannten Kindern tun? Und warum lassen das Bildungseinrichtungen auch noch zu?)

Dennoch läuft an der Debatte etwas falsch: In ihr schwingt ein Generalverdacht mit, mit dem sich Männer seit Längerem konfrontiert sehen. Nämlich jenem, dass sie für Kinder per se eine Gefahr darstellen. Die – ohnedies wenigen – Kindergärtner, die (anders als ihre Kolleginnen) ihre Schützlinge nicht einmal auf die Toilette begleiten dürfen, wissen ein Lied davon zu singen. Auch die unverständliche Empörung, die dem Ex-Fußball-Star David Beckham entgegenschlug, als er seiner Tochter doch tatsächlich ein Bussi auf den Mund gab, bleibt in Erinnerung.

Jeder Mann ein potenzieller Pädophiler? Der Pauschalverdacht ist unberechtigt und ungerecht. Wenn wir in dieser Angst verhaftet bleiben, wird es kaum gelingen, veraltete Geschlechterbilder zu überwinden. Männer für Kindergärten und Schulen zu gewinnen? Fast unmöglich. Dass es den Buben (und Mädchen!) dann an männlichen Identifikationsfiguren fehlt, darf nicht verwundern. Gerade in Zeiten bröckelnder Familien wären sie wichtig.

Klar: Jede Form des sexuellen Übergriffs gehört verfolgt, jeder Verdacht (wie bei „Original Play“) lückenlos aufgeklärt. Prävention und Transparenz sind wichtig, harte Strafen für Täter auch. Wer aber Männern pauschal misstraut, tut unserer Gesellschaft keinen Gefallen.