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Gastkommentar
12/11/2018

Lehrerausbildung: Ein Sprung ins kalte Wasser

Die geplanten Änderungen der Lehrerausbildung bringt erhebliche Nachteile für Junglehrer.

Schulische Themen kommen nicht aus den Schlagzeilen. Zuletzt wiesen mutige Lehrkräfte und DirektorInnen auf untragbare Zustände in manchen Klassen bis hin zu Gewalt gegenüber Lehrkräften hin. Ist LehrerIn zu sein noch ein erstrebenswerter Beruf? Eigentlich müsste die Politik beste Rahmenbedingungen für diesen eminent wichtigen Beruf schaffen. Tatsächlich aber droht den ersten AbsolventInnen der „reformierten“ LehrerInnenbildung im Herbst 2019 ein Sprung ins kalte Wasser.

Erfahrung und Empirie zeigen: Ein positiver Universitätsabschluss und die Kenntnis von Bildungstheorien machen noch keine gute Lehrkraft! Wer in der Klasse bestehen will, braucht höchste fachliche, pädagogische, didaktische und menschliche Qualitäten. Gutes Coaching beim Einstieg in die Praxis hilft StudentInnen, sich zu erfolgreichen Lehrerpersönlichkeiten zu entwickeln. Die Unterrichtspraxis will gelernt sein. Wenn Kindererziehung nicht nur Eltern, sondern ein ganzes Dorf braucht, wie der Volksmund sagt, dann brauchen junge Lehrkräfte im Einstiegsjahr eine ganze Schule. Bisher wurden sie von zwei erfahrenen FachkollegInnen – quasi als „Eltern“ – ins Unterrichten eingeführt und von Direktion und Kollegium unterstützt.

In Zukunft ist alles anders: AbsolventInnen von Lehramtsstudien haben ab Herbst 2019 kein Recht mehr, ihre Ausbildung durch ein Unterrichtspraktikum zu beenden. Sie können nur Fuß fassen, wenn an einer Schule Stunden frei werden. Ist diese erste Hürde genommen, folgt die nächste: AnsprechpartnerInnen an den Schulen sind dann nicht mehr zwei FachkollegInnen, sondern eine einzelne Lehrkraft als „MentorIn“. Gespräche „zwischen Tür und Angel“ werden die jetzt üblichen Besprechungsstunden in gemeinsamen Zeitfenstern ersetzen. Um bei obigem Vergleich zu bleiben: Die Dorfgemeinschaft muss die Eltern-Rolle mit übernehmen.

Fünf vor zwölf

Alle SchulpraktikerInnen sind sich einig: Einzelne besonders talentierte JunglehrerInnen werden auch unter diesen erschwerten Bedingungen reüssieren. Viele werden sich jedoch rasch alleingelassen fühlen. Unvermeidbare Folgen: Anfängerfehler im Fachunterricht, Probleme beim Classroom Management, SchülerInnen-Beschwerden bei den Klassenvorständen, ...

Spätestens dann wird der Ruf nach den „guten alten“ BetreuungslehrerInnen laut werden – mit Zeitressourcen für das so wichtige Coaching von EinsteigerInnen durch fachlich Versierte. Warum also ein bewährtes System kippen?

Österreichs SchülerInnen verdienen gut ausgebildete und gefestigte Lehrkräfte.

Österreichs Politik kann es sich nicht leisten, dass misslungene Startbedingungen dem LehrerInnen-Nachwuchs die Freude am Beruf auszutreiben. Es ist fünf vor zwölf, aber noch hat die Politik Zeit, das Ruder herumzureißen und das Unterrichtspraktikum, um das wir im Ausland beneidet werden und das von immer mehr Staaten imitiert wird, zu retten.

Gastkommentar von Dir. Mag. Isabella Zins, ÖDV-Vorsitzende und Sprecherin der AHS-DirektorInnen Österreichs.