Massiv steigende Kurzsichtigkeit: Augen auf bei der Kontrolle

In Zukunft könnte jeder Zweite kurzsichtig sein. Dabei gibt es bereits erprobte Gegenmittel.
Marlene Auer
Optiker kontrolliert Augen einer Patientin mit einem Messgerät.

Kurzsichtigkeit steigt weltweit so stark, dass Prognosen davon ausgehen, bis 2050 könne die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen sein. Derzeit sind es Schätzungen zufolge etwa 30 Prozent. Das klingt nach "Brille für alle", ist aber medizinisch ernster: Je stärker diese Entwicklung, desto höher ist das Risiko späterer Netzhautprobleme und anderer Komplikationen. Der Kern der Problematik ist häufig banal-physikalisch: Das Auge wächst in die Länge, wird also sprichwörtlich "zu groß", und das Bild fällt vor statt auf die Netzhaut. 

Warum die Augen mehr in die Länge wachsen, ist daher Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Gene spielen mit, aber die Turbos sitzen im Alltag. Robusteste Schutzvariable ist Zeit im Freien. Mehr Tageslicht und das Scharfstellen in die Ferne scheinen das Augenwachstum zu bremsen. Studien fassen das so zusammen: Rund zwei Stunden pro Tag draußen senken das Risiko, überhaupt kurzsichtig zu werden. Gleichzeitig gilt: Viel Arbeit in der Nähe, wie etwa beim Lesen, Schreiben oder Ähnlichem, steigert das Risiko. Durch die zunehmende Bildschirmzeit über die vergangenen Jahrzehnte ergibt sich also die logische Folge der steigenden Kurzsichtigkeit, wenngleich dies nicht der einzige Grund ist.

Dreiklang in der Vorsorge

Dennoch wird die sogenannte Myopie noch zu oft wie ein harmloser, teils sogar bereits normaler Zustand gesehen, den man beim Augenarzt oder Optiker "nachstellt". Dabei ist das Kindheitsfenster entscheidend. Prävention muss so früh anfangen, wie die Routine beim Zähneputzen. Österreich zeigt hier im Ansatz, was möglich ist: Im Eltern-Kind-Pass sind zwei Augenuntersuchungen im Kleinkindalter vorgesehen. Das ist gut, aber nicht genug, wenn danach jahrelang niemand mehr hinschaut, bis die Schrift auf der Tafel in der Schule verschwimmt.

Was es bräuchte, wäre ein Dreiklang. Zum Ersten im Alltag: Mindestens zwei Stunden täglich raus, egal ob in der Schule oder in der Freizeit. Nicht als Tipp, sondern als Standard. Zweitens: Regelmäßige Kontrollen, nicht nur in Form von Dioptrien, sondern auch in der Messung der Längsachse des Auges, weil sie das "Wachstumsthema" objektiv zeigt. Und drittens: Stärkere Forschung und Finanzierung der Versorgung, damit wir von einem "Glück gehabt" zu planbarer Augengesundheit kommen. 

Fehlende Investitionen

Denn Forschung passiert längst, nur landet sie zu selten in der Breite. Es gibt bereits Brillengläser, die in Studien das Längenwachstum bremsen konnten, ebenso werden Kontaktlinsen erforscht, die zur Verlangsamung der Myopie bei Kindern führen könnten. Oder auch Nachtlinsen, mit denselben Zielen. Das alles bedeutet: Die Medizin und Wissenschaft hat das Thema erkannt und arbeitet an Lösungen. Doch vieles davon ist noch sehr teuer, logistisch aufwändig oder nicht lange genug erforscht, um es als Standardprogramm zu empfehlen. Genau deshalb braucht es Investitionen, nicht nur in Hightech-Linsen, sondern in Versorgungsforschung: Welche Kinder profitieren davon, wie früh, wie lange, und wie bringt man das in Schulen und zu Kassenleistungen, ohne dass Augengesundheit zur Einkommensfrage wird? 

Die Bausteine sind da, aber die breite Umsetzung hinkt. Wenn Gesundheitsprogramme Outdoor-Zeit für Kinder, aber auch für Erwachsene ernst nehmen, Screening-Routinen besonders in Schulen verankert werden und die wirksamsten Maßnahmen in Leitlinien und Erstattung aufgenommen würden, wäre ein spürbarer Durchbruch wohl bereits im nächsten Jahrzehnt realistisch. Für die wirklich großen Versprechen, also Verfahren, die Längenwachstum stoppen oder gar zurückdrehen, wird es mehr Zeit brauchen, weil Langzeitdaten, Sicherheit und Kosten erst dann zusammenpassen werden. Bis dahin gilt: Prävention ist nicht nur wichtig, sondern essenziell. Und manchmal ist die modernste Behandlung in diesem Falle schlicht: Tür auf, und rausgehen.

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