in einem ersten Kommentar über die noch offene Wahl
05/22/2016

Ein gespaltenes Land – in Wechselstimmung

von Helmut Brandstätter

Alle, die von der lahmen, uninspirierten Koalition genug hatten, waren für Hofer.

Dr. Helmut Brandstätter | in einem ersten Kommentar über die noch offene Wahl

Der KURIER hat schon am 25. April getitelt: Ein gespaltenes Land. Heute passt dieser Titel noch viel besser. Aber wo genau geht die Trennlinie durch unsere Gesellschaft? Es ist komplizierter als damals, im Jahr 1986, als sich Kurt Waldheim mit knapp 54 Prozent der Stimmen gegen Kurt Steyrer durchsetzte. Da waren große Teile von ÖVP, FPÖ und ältere Österreicher, die sich ihre Kriegszeit nicht schlecht machen lassen wollten, für Waldheim. Sozialdemokraten, Grüne und linke Christen für Steyrer.

Heute ist die Spaltung komplizierter zu analysieren: Alle, die von der lahmen, uninspirierten Koalition genug hatten, waren für Hofer. Dazu natürlich die FPÖ-Fans. Dann aber auch viele Menschen, die in großer Ruhe am Land leben, aber ständig in der Zeitung von den Flüchtlingen in den Städten lesen. Und sich vor dem Unbekannten, das die Medien beherrscht, fürchten. Auch die Angst vor weiterer wirtschaftlicher Verschlechterung, die bis tief ins Bürgertum hinein geht, spielte eine Rolle. Und dann das von manchen als böse oder feindlich empfundene "Ausland", das sich angeblich einmischte. Das ist besonders kurios, weil gerade die FPÖ-Partner im Europaparlament, wie der rechte Front National, schon am 24. April laut jubelte. Und Europa spaltet auch: In diejenigen, die einen offenen Kontinent ohne Grenzen wollen und diejenigen, die im neuen Nationalismus einen Schutz gegen ihre Ängste sehen.

Wechselstimmung: Das heißt, rund die Hälfte der Wähler will diese Bundesregierung lieber heute als morgen loswerden. Das heißt nicht, dass all diese einen FPÖ-Kanzler wollen, aber sicher eine andere Regierung. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat nur wenige Monate Zeit, Ergebnisse des "neuen Regierens" zu liefern, die Bevölkerung ist ungeduldig. Und Reinhard-Ja-ich will-Mitterlehner wird mit größter Autorität seine ÖVP zusammenhalten müssen, um den nötigen Willen zur Zusammenarbeit zu beweisen.

Die aktuelle Wechselstimmung ist auch die Stunde der Opportunisten. So hat etwa ORF-Chef Alexander Wrabetz schon "Charakter" bewiesen, indem er sich vor dem FPÖ-Stiftungsrat Steger nach den unvollständigen Recherchen gegen Norbert Hofer verneigt hat. Es geht im ORF um jede Stimme, was kümmert da den ORF-Chef seine Redaktion. Das Land wird in jeder Hinsicht politischer, leider wohl auch parteipolitischer. Die FPÖ drängt zu den Futtertrögen, alles so, wie wir es von den anderen gewohnt sind.

So wird der neue Bundespräsident, wenn er sein Amt ernst nimmt, die offensichtliche Spaltung analysieren müssen, und dann mithelfen müssen, die Gräben zu überwinden. Auch der Hass, der aus den gar nicht sozialen Medien trieft, wird seine Sorge sein müssen. Und die Sorge aller, die weiter friedlich in diesem Land leben wollen.

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