hund & HERRL: Frühmorgenfe­ti­schis­mus

Foto: KURIER

Barolo plädiert für mehr Ruhe, Schlaf und Gemütlichkeit.

Mein Hund Barolo schläft. Er schläft viel in diesen Tagen. Manchmal höre ich das Klackern seiner Krallen auf dem Parkett, wenn er in der Früh aufsteht und das Vorzimmer durchquert, um in der Küche weiterzuschlafen. Das ist klug von meinem Hund. Denn sobald ich später selbst in die Küche komme und mir eine Kanne Tee zubereite, muss der Hund nicht mehr aufstehen, um sich während des Guten-Morgen-Barolo-Mantras den Kopf tätscheln zu lassen.

Ich beneide den Hund um seine Ruhe und um die Fähigkeit, zu schlafen, wo und wann immer er will. Ich würde ungeheuer gern um sieben Uhr früh aufstehen, in ein anderes Zimmer schlurfen und mich in einem zweiten Bett seufzend ausstrecken, wissend, dass jetzt noch zwei Stunden Erholung auf dem Programm stehen, bevor mir jemand über den Kopf streicht und sagt: "Komm, wir gehen ins Kaffeehaus frühstücken. Möchtest du vorher noch eine Tasse Tee trinken?" Diese paradiesische Vorstellung scheitert an der Absenz eines zweiten Betts, in das ich mich fallen lassen könnte - und natürlich an dem Frühmorgenfetischismus, der unsere Gesellschaft zwingt, taumelnd vor Müdigkeit zur Schule, zur Arbeit, ins Amt zu rasen, statt in aller Ruhe den Tag um neun Uhr zu beginnen, mit hochgefahrenem System, ansehnlich und guter Dinge.

Kann mir jemand erklären, warum uns die Konvention noch bei Dunkelheit aus dem Bett zwingt? Ich kann es nicht, und mein Hund kann es auch nicht. Der Barolo könnte zu dieser Diskussion höchstens noch sein Votum für den gesunden Mittagsschlaf beitragen. Noch etwas, worum ich ihn beneide.

(kurier / Christian Seiler) Erstellt am
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