Meinung
06.10.2018

Kerns Tragödie ist für Rendi eine Befreiung

Sein totaler Rückzug aus der Politik bietet der künftigen SPÖ-Chefin die echte Chance auf einen Neustart.

Diesmal ist es endgültig: Christian Kern sagt zweieinhalb Jahre nach seinem kometenhaften Einstieg der Politik endgültig Adieu. Selbst Kern-Freunde nehmen die Nachricht mit Erleichterung, da und dort auch mit (Schaden)-Freude zur Kenntnis.

Der SPÖ-Chef und Kanzler mit der kürzesten Amtszeit ever hat es intern geschafft, zwischen allen Stühlen zu landen. Seine Gegner und Kritiker fühlen sich bestätigt. Freunde und Anhänger a. D. geben nun nachträglich reumütig Doris Bures recht, die einst dafür gerügt wurde, weil sie sagte: „Kern wäre kein guter Politiker“.

Aber was heißt das abseits der persönlichen Tragödie des Scheiterns (siehe S. 5) für die SPÖ und die generelle politische Gemengelage?

Für die Partei und ihre neue Chefin, Pamela Rendi-Wagner, ist es ein Befreiungsschlag. Sie kann ohne den Ballast des glücklosen Vorgängers Ende November am Parteitag einen Neustart versuchen. Denn durch den Wind schien zuletzt nicht nur Christian Kern. Auch die Partei präsentiert sich allen Einigungsappellen zum Trotz außer Tritt. In der Partei ringen der weltoffene, urbane und der traditionelle, kleinbürgerliche Flügel um die Vorherrschaft bei Kurs und Top-Personal. Hier muss sich Rendi bis zu ihrer Wahl eindeutiger als in ihren ersten, eher vage gebliebenen Interviews positionieren.

Zwei neue Frauen zum 1. Jahrestag Kurz/Strache

Für den EU-Wahlkampf wird Rendi nun rasch einen neuen Spitzenkandidaten/in suchen müssen. Wenn ihr nicht noch ein Wunderwuzzi einfällt, wird es wohl eine/einer aus der Reihe der roten ( EU)-Parlamentarier werden. Christian Kern hatte den Wahlgang im Mai 2019 zur ultimativen Schlacht zwischen den Orbans/Salvinis/Straches und sich selber ausgerufen. In der Realverfassung der heimischen Politik wäre das zu einem Duell Kern-Vilimsky/Strache geworden. Und dem Risiko mit einem möglichen ÖVP-Spitzenkandidaten Othmar Karas einen dritten Mann im Spielfeld zu haben, der auch beim bösesten Willen nicht zur Feindfigur taugt. Mit dem Florett gegen Karas und dem Bihänder gegen Vilimsky/Strache – das hätte ein Kunststück erfordert, an dem auch größere politische Kaliber als Kern zu scheitern drohten.

Seit gestern verspricht die EU-Wahl primär zum ersten bundesweiten Stimmungstest nach dem Machtwechsel im Kanzleramt zu werden. Der tatsächlich anstehende Kampf um die Vorherrschaft zwischen Rechtspopulisten und Zentristen in Brüssel wird nach Kerns Absage hierzulande ohne Eskalationspotenzial über die Bühne gehen.

Die Karten sind vor dem ersten Jahrestag der türkis-blauen Machtübernahme am 15. Oktober neu gemischt. Kurz & Strache sind (abgesehen von Peter Pilz und seiner vom Stronach-Virus infizierten Liste ) ab sofort die Oldies in der Arena. Sie werden Kerns totalen Rückzug als endgültigen Triumph feiern. Wie sie die Auseinandersetzung mit den Oppositionsparteien Rot und Pink anlegen, die nun beide in Frauenhand sind, bleibt für sie wohl, länger als Kern Kanzler war, eine spannende Herausforderung.