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Meinung
07/06/2020

Kein Platz für Ausreden

Sichtbarkeit und Karriere von Frauen im Fernsehen als Selbstverständlichkeit

Manche Ereignisse brennen sich nachhaltig ein. Bei mir (studierte Volkswirtin, jahrelange Tätigkeit als Wirtschaftsredakteurin) ging es 2001 darum, ob ich Leiterin der ZiB-Wirtschaftsredaktion werden kann. Mein Sohn war keine drei Jahre alt.

Sorgenvoll wog der Entscheidungsträger den Kopf: „Aber wer passt denn dann auf das Kind auf?“ – „Es gibt Großeltern in Wien!“, brachte ich vor. Omi, Opi sei Dank. Er war beruhigt – und ich bekam den Job. So wurde ich die erste Leiterin einer Wirtschaftsredaktion im ORF, später die erste ORF1-Infochefin und vor zehn Jahren die erste Chefredakteurin der ORF-TV-Magazine.

Bei allem, was mir in meinem Berufsleben je negativ widerfahren ist, habe ich versucht, es selbst besser zu machen. Das sind einige meiner Leitplanken für Handlungen im Alltag:

  • Kinder sind kein Grund, Frauen von guten Jobs auszuschließen. Kinder zu haben, ist Teil des Lebens.
  • Kein Kind zu haben, kann viele Gründe haben – und geht niemand etwas an.
  • Voraussetzung, um eine Führungskraft zu sein, sind Kompetenz, soziale Intelligenz und Erfahrung. Auch Führung in Teilzeit ist eine Option.
  • Termine so festlegen, dass auch Menschen mit Betreuungsverpflichtungen teilnehmen können.
  • Moderatorinnen müssen – wie ihre männlichen Kollegen – weder vom Alter noch vom Gewicht irgendeinem Schönheitsideal entsprechen. Es zählen Persönlichkeit, Kompetenz und gutes Auftreten.
  • Niemand muss sich für Herkunft oder sexuelle Orientierung rechtfertigen. Diversität ist ein Gewinn. Menschen annehmen, wie sie sind und woher sie kommen.
  • Je sachlicher, Fakten orientierter und umsichtiger der Führungsstil, umso besser die Ergebnisse.

Was aber heißt das in der Praxis? Etwa, dass Susanne Schnabl aufgrund ihrer innenpolitischen Kompetenz mit 32 Jahren trotz kleiner Kinder „Report“-Moderatorin und später Moderatorin der „Sommergespräche“ wurde. 50 Prozent der Führungskräfte in meinem Bereich sind Frauen: Christa Hofmann „Weltjournal“, Silvana Meixner „Heimat Fremde Heimat“, Katinka Nowotny „Eco“, Andrea Puschl „Thema“, Nina Horowitz „Panorama“.

Heidi Lackner war bei „Am Schauplatz“ die erste ORF-Führungskraft in Teilzeit. Münire Inam wurde Moderatorin bei „konkret“. Frauen über 50 bleiben am Schirm, beispielsweise Martina Rupp bei „konkret“. Erwähnt sei, dass alle Entscheidungen von Programmdirektorin Kathrin Zechner unterstützt und von Generaldirektor Alexander Wrabetz gut geheißen wurden. Zahlreiche Maßnahmen zur Frauenförderung sind ebenso Teil der Unternehmenskultur, wie ein seit 2012 im ORF-Gesetz verankerter Gleichstellungsplan.

Frauen gelten im Mediengeschäft rasch als „zu jung“ oder „zu alt“ für attraktive Jobs. Kinder werden gerne als Hindernis gesehen und auch sonst gibt es oft genug einen Grund, um eine Frau zu verhindern. Tatsächlich sollte ausschließlich die Qualifikation entscheidend sein. Nach mittlerweile 19 Jahren als Führungskraft kann ich sagen: Es ist einfach normal, Frauen in allen Funktionen im TV zu beschäftigen. Es gibt keine Ausreden.

Waltraud Langer ist Chefredakteurin ORF-TV-Magazine und Mitglied der ORF Gleichstellungskommission.