Meinung
22.06.2018

Herr Strolz, was ist jetzt mit Ihnen?

Der Neos-Gründer übergibt heute ohne Not seine Partei. Er bleibt hoffentlich weiter für Überraschungen gut.

Er gab öffentlich preis, dass ihm manchmal danach ist, Bäume zu umarmen oder unterm Kastanienbaum ein Gedicht zu schreiben.

Matthias Strolz überrascht auch im Abgang. Aus heiterem Himmel kündigt er Anfang Mai seinen Rücktritt an. Kein Skandal, keine Palastrevolte, keine private Affäre zwingt ihn dazu. Heute übergibt er die Partei an Beate Meinl-Reisinger, im Herbst auch die Klubführung. Seine Nachfolgerin ist seit Gründung der Neos nicht nur Weggefährtin, sondern bisweilen auch nervende Konkurrentin. Das war nicht nur intern spürbar, Strolz gesteht das auch öffentlich unverblümt ein.

Der gelernte Coach und Rhetoriktrainer mit starken ÖVP-Wurzeln hatte die Neos erst vor sechs Jahren als Polit-Start-up in die Welt gesetzt – und im ersten Anlauf auch gleich den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde ins Parlament geschafft. Strolz hatte für sich selber die Parole ausgegeben, nicht länger als zwei Wahlperioden zu bleiben.

Nun geht er bereits zu Beginn der zweiten Halbzeit.

„Ich liebe Politik“

Der abrupte Abgang des 45-Jährigen, der von sich selber sagt „Ich liebe Politik“, ist ein herber Verlust für viele Wähler und Gewählte. Unter vier Augen gestehen das selbst hochrangige Blaue ein. Sternstunden des Parlamentarismus wie diese werden fehlen: Als Türkis-Blau als erste „Reform“ das geplante Rauchverbot in der Gastronomie aufhob, um den nikotinsüchtigen Strache-Fans einen billigen Gefallen zu tun, hielt Matthias Strolz eine Brandrede dagegen. Sie wurde zum Hit auf YouTube.

Sein leidenschaftlicher Appell an die blaue Gesundheitsressort-Chefin Beate Hartinger-Klein wurde zum geflügelten Wort, das seither immer wieder neu dekliniert wird: „Frau Ministerin, was ist mit Ihnen?“

Seine Leidenschaft, Österreichs Schülern „die Flügel zu heben“, wird da und dort belächelt. Sie hat einen sehr ernsten Kern: Diejenigen, denen mangels leidenschaftlicher Schulpolitik ein Leben lang niemand die Flügel hebt, kann man täglich in Parks und Einkaufszentren („Gemma Lugna“) besichtigen, wo sie nach Schulschluss gemeinsam die Flügel hängen lassen – um dann im Teufelskreis von Gelegenheitsjobs, AMS und Sozialamt zu stranden.

Comeback im Duracell-Modus

Bis März nächsten Jahres will sich Matthias Strolz beruflich nicht neu binden. Im Mai 2019 stehen EU-Wahlen an. Ein wichtiges Datum, dass unter dem unausgesprochenen Motto „Boring but important“ läuft. Ob der Neos-Chef a.D. vielleicht auf dieser scheinbaren Nebenbühne, gar noch einmal auf der Hauptbühne oder als Motor einer NGO – einmal mehr Duracell-artig getrieben – ein Comeback feiert, bleibt auf Sicht im Dunkeln.

Fakt ist, dass der Vorarlberger ein politischer Mensch im besten Sinn des Wort ist: Einer, der sich leidenschaftlich um öffentliche Angelegenheiten kümmert.

Frei nach Matthias S.: Herr Strolz, was ist jetzt mit Ihnen ? Das kann doch noch nicht alles gewesen sein!