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Gastkommentar
03/09/2020

Heinz Fassmann: Wie wir die Krisen der Jetztzeit bewältigen

Corona-Epidemie, Klimakrise? Forschung und Entwicklung sind die Antwort

Ulrich Beck hat vor vielen Jahren den Begriff der „Risikogesellschaft“ geprägt. Er hat damit unsere Gegenwartsgesellschaft beschrieben, die durch Klimawandel, nukleare Störfälle, politische Krisen und Konflikte und neue Krankheiten bedroht ist. Diese unterminieren den Fortschrittsoptimismus der ersten Moderne und bedrohen das politische System, lautet seine Botschaft.

Und er hat nicht unrecht. Wenn Risiko das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß darstellt, dann leben wir tatsächlich in der von ihm beschriebenen Risikogesellschaft. Naturkatastrophen mit einer begrenzten gesellschaftlichen Betroffenheit hat es immer gegeben. Eine Lawine im Kaukasus kann zwar gewaltig sein, betrifft aber nur einige wenige. Ein Atomunfall in Fukushima ist ebenso ein lokales Ereignis, die Folgen sind aber weltweit spürbar.

Die zweite Moderne bringt es mit sich, dass lokale Ereignisse immer auch globale Auswirkungen haben. Corona stellt eine Virenmutation dar, die in einer chinesischen Provinz erstmals auftritt, aber in kurzer Zeit die Welt erfasst. Die Organisation der individuellen Mobilität in Purkersdorf oder Mistelbach bringt es mit sich, dass diese auch global spürbar ist. Der -Ausstoß vor Ort hat globale Konsequenzen.

Das Private ist politisch und das Lokale ist global. Die politische Antwort darauf ist einerseits die Rückkehr zur wohligen Vertrautheit des Nationalstaates. Das hört man von rechts immer wieder. Aber der Schutz durch Grenze ist eine Illusion. Der Corona-Virus respektiert keine Grenzbalken und der Klimawandel ebenso wenig.

Die andere Antwort lautet Verhaltensänderung. Wir müssen uns ändern. Klimaschädliches Verhaltens einstellen, zwischenmenschliche Kontakte einschränken. Die politischen Antworten von links haben immer etwas mit Einschränkung und obrigkeitlicher Belehrung zu tun – unabhängig von der inhaltlichen Bewertung muss man emotionslos konstatieren, dass beides nicht mehr zur individualisierten und egalitären Gegenwartsgesellschaft passt.

Neue Verfahren

Eine Alternative dazu existiert. Sie steht selten im Scheinwerferlicht des politischen Handelns, obwohl sie uns allen einen noch nie da gewesenen Wohlstand gebracht hat: Forschung und Innovation. Eine Verhaltensänderung bei der individuellen Mobilität wird auch ohne Einschränkung und Belehrung stattfinden, wenn über Forschung und Innovationen neue Antriebssysteme entwickelt werden, die genauso attraktiv sind wie die derzeitigen. Und die Bedrohung durch neue Krankheiten wird ad acta gelegt, wenn neue diagnostische und therapeutische Verfahren zur Verfügung stehen und der Corona Virus seine Ansteckungsgefahr verliert.

Forschung und Innovationen sind die Antworten in der zweiten Moderne. Wir haben sie, aber wir unterstützen sie zuwenig. Forschung und Innovationen können nicht per Knopfdruck Antworten geben, sie basieren auf längerfristigen Grundstrukturen. Labore, Hörsäle, Professoren und Professorinnen sind nicht von heute auf morgen verfügbar.

Das Bauen, das Ausstatten und das Qualifizieren benötigen Zeit und auch Geld. Ein langfristiger und budgetär unterlegter Wachstumspfad ist daher notwendiger denn je, um Antworten zu geben. Auch wenn sich die Budgetisten mit langfristigen Zusagen schwertun, führt kein Weg daran vorbei. Wer die zweite Moderne meistern möchte, der muss den forschungs- und innovationsorientierten Weg der ersten Moderne weitergehen. Denn die Freiheiten einer globalisierten Welt will keiner mehr missen und die Einschränkungen obrigkeitlicher Belehrung keiner mehr haben.

Zum Autor: Heinz Fassmann ist Wissenschaftsminister und Professor für Angewandte Geografie, Raumforschung und Raumordnung an der Universität Wien.