Wie eine echte WKO-Reform aussehen sollte

WIRTSCHAFTSKAMMER ÖSTERREICH (WKÖ): "WIRTSCHAFTSPARLAMENT" - SCHULTZ
Die Wirtschaftskammer braucht vor allem strategische Richtung. Ein Gastkommentar von Michael Brandtner.

Die geschäftsführende WKO-Vizepräsidentin Martha Schultz spricht in letzter Zeit nicht nur über das „ramponierte“ Image, sondern vor allem auch über ihre Reformpläne. Nach ihren Aussagen wird es zwar Veränderungen geben müssen, aber eine Revolution ist nicht angesagt. Zudem müsse die Pflichtmitgliedschaft bleiben. Bei den Veränderungen selbst ging es vor allem um das Durchleuchten aller Leistungen, über Einsparungen und über die mögliche Senkung von Beiträgen.

All dies klingt aber mehr nach operativen Maßnahmen statt nach einer echten Reform und strategischen Neuausrichtung. Denn wenn man wirklich über eine echte Reform nachdenkt, sollte man nicht nur einzelne Leistungen auf den Prüfstand stellen, sondern man sollte klarstellen, wofür man in Zukunft stehen und damit auch eintreten möchte.

Dies ist alles andere als einfach, weil man a) eine relativ komplexe Struktur auch aufgrund der Fachgruppen hat und weil man b) ein enormes Leistungsportfolio anbietet, das über Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist:

•Interessensvertretung der Mitglieder in Österreich

•Interessensvertretung der Mitglieder in der EU

•Unterstützung der Mitglieder international etwa auch durch die Außenhandelsstellen

•Umfangreiche Serviceleistungen für Mitglieder und Unternehmensgründer

•Umfangreiche Beratungsleistungen für Mitglieder und Unternehmensgründer

•Diverse Förderprogramme für Mitglieder und Unternehmensgründer

Daneben hat man noch das WIFI als führendes Angebot in der beruflichen Erwachsenenbildung und man übernimmt zudem auch diverse gesetzliche Aufgaben.

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 Michael Brandtner.

Gemeinsamer Zukunftszweck

Nur wenn man wirklich strategisch und nicht nur operativ über dieses Leistungsangebot nachdenken möchte, sollte man zuerst den einen gemeinsamen Zukunftszweck der WKO definieren. Man sollte zuerst festlegen, welche strategische Rolle die WKO heute und vor allem morgen in unserer Wirtschaft und Gesellschaft in Österreich, in Europa und weltweit einnehmen möchte. Basierend darauf sollte man dann überlegen, wie dazu das optimale Angebot und die optimale Organisations-, Kosten- und Beitragsstruktur aussehen sollte.

Aktuell findet man zur strategischen Ausrichtung der WKO relativ wenig. So lässt sich die aktuelle Selbstdarstellung auf drei sehr allgemeine Punkte zusammenfassen:

„Wir vertreten die Interessen der österreichischen Unternehmen.“ „Wir fördern durch vielfältige Serviceleistungen die Wirtschaft.“ „Wir unterstützen mit unserem Know-how österreichische Unternehmen.“

Was hier aus strategischer Sicht klar fehlt, ist eine starke relevante Idee mit Außen- und Innenwirkung, aus der sich alles andere ableiten lässt.

Zudem sollte die Wirtschaftskammer in einer zukünftigen Ausrichtung rein über die Unternehmen und die Wirtschaft hinausdenken, um klarzustellen, was man für Österreich heute und morgen in Summe tut. Eine mögliche Idee dazu wäre, dass sich die WKO als die „Standorthüterin Nr. 1“ in Österreich positioniert. Ein möglicher Slogan dazu wäre „Starker Standort. Starkes Österreich.“

Das wäre nicht nur eine klare Aufgabe in Österreich, das wäre auch eine klare Aufgabe innerhalb der EU und es wäre eine klare Aufgabe in der Weltwirtschaft. Damit würden sich drei zentrale Fragen ergeben, damit Österreich ein attraktiver Standort bleibt: Was kann und sollte die WKO in Österreich tun? Was kann und sollte die WKO in Europa, speziell in Brüssel tun? Was kann und sollte die WKO global, speziell auch in den Handelsaußenstellen tun?

Denn eines sollte klar sein: Ohne attraktiven Wirtschaftsstandort und einer funktionierenden Wirtschaft wird es auch für den Staat Österreich und vor allem auch für den Sozialstaat Österreich in Summe immer schwieriger werden, die notwendigen Leistungen zu erbringen. Nur genau diese Herausforderung könnte für die WKO Chance und Auftrag sein, sich für die Zukunft neu und vor allem relevanter auszurichten. Basierend darauf könnte man dann alle anderen Reformschritte planen und umsetzen.

Zum Autor:
Michael Brandtner ist Markenstratege, Markenpositionierungsexperte und Associate of Ries Global.

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