Trumps Rhetorik: Selbst Weihnachten als Bühne der Diffamierung
Trump richtete Weihnachtsgrüße an den „Abschaum der radikalen Linken“.
Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Digitalisierung und Globalisierung verändern nicht nur alle Lebensbereiche, sondern zunehmend auch die Maßstäbe öffentlicher Kommunikation. Der Ton wird rauer, die Schwelle zur öffentlichen Herabwürdigung sinkt. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA. Unter Donald Trump hat sich der politische Stil in kürzester Zeit spürbar verändert. Auch in seinen jüngsten öffentlichen Auftritten nutzt der Präsident selbst feierliche oder staatstragende Anlässe zur öffentlichen Herabwürdigung politischer Gegner. Die Weihnachtsansprache des vergangenen Monats fügte sich nahtlos in dieses Muster ein. Ungeprüfte oder widerlegte Behauptungen gehören dabei längst zum festen Repertoire, während der öffentliche Widerspruch auffallend gering bleibt. Trump richtete zum Beispiel Weihnachtsgrüße an den „Abschaum der radikalen Linken“.
Aber wie kann das sein? Warum wird vulgär-aggressives Verhalten, das noch vor wenigen Jahren als unvereinbar mit dem Amt gegolten hätte, heute als neue Normalität akzeptiert? In Reden und öffentlichen Postings attackiert Trump nicht nur politische Gegner, sondern greift seit Jahren Journalisten als „Feinde des Volkes“ an, stellt Richter öffentlich infrage und verspottet frühere Mitarbeiter sowie Amtsträger. Persönliche Diffamierung ist damit vom Ausrutscher zur Routine geworden.
Philipp Strobl.
Die eigentliche Irritation liegt weniger in der Verrohung der Sprache als in der Geschwindigkeit ihrer Normalisierung. Lange beruhte die amerikanische Demokratie nicht nur auf Gesetzen, sondern auch auf informellen Selbstbindungen wie institutionellem Respekt und der Anerkennung politischer Gegner als legitimen Teil des Systems. Dass diese Regeln in so kurzer Zeit ihre Selbstverständlichkeit verlieren konnten, gehört zu den bemerkenswertesten politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit.
Trump hat diese freiwillige Selbstbindung nicht nur gebrochen, sondern den Bruch selbst zum politischen Stil erhoben. Wer widerspricht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern herabgesetzt. Wer kontrollieren möchte, wird delegitimiert. Wer kritisch berichtet, wird als Teil einer feindlichen Verschwörung markiert. Entscheidend ist, dass diese verrohte Form des Umgangs nicht mehr als Tabubruch wahrgenommen, sondern als Teil einer neuen Normalität präsentiert wird, die als „schlecht“ wahrgenommene oder neuerdings auch gerne als „woke“ bezeichnete Gebräuche abschaffen will. Hinzu kommt eine Verschiebung der politischen Logik. Politik dient immer weniger der Überzeugung wechselnder Mehrheiten. Sie dient der Mobilisierung fester Lager. Emotion, Kränkung und Loyalität sind in diesem System wirksamere Mittel als Programme oder Konzepte. Aggressive Sprache erzeugt Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit erzeugt Bindung. Je schärfer die Abgrenzung, desto stabiler die Loyalität der eigenen Anhänger.
Gewöhnungseffekt
Dass diese Entwicklung heute kaum noch als Skandal wahrgenommen wird, folgt einem einfachen Mechanismus: Wiederholung erzeugt Gewöhnung und Gewöhnung verschiebt Maßstäbe. Was vor wenigen Jahren als untragbar gegolten hätte, wird heute als neuer politischer Stil präsentiert. Der eigentliche Bruch besteht darin, dass sich nicht nur der Ton, sondern auch die Erwartungen an politische Kommunikation verändert haben.
Besonders folgenreich ist die Umwertung der Verantwortungslogik. In funktionierenden Demokratien gilt: Macht erzeugt Verantwortung, Verantwortung erzeugt Rechenschaftspflicht. In der neuen politischen Logik gilt: Loyalität erzeugt Schutz und Schutz erzeugt Straffreiheit. Kontrolle wird als Attacke interpretiert, Kritik als Illoyalität, rechtliche Überprüfung als politische Feindseligkeit.
Offizielle Auftritte des US-Präsidenten sind in diesem Licht kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines politischen Stils, der sichtbar macht, wie schnell sich staatliche Kommunikation verschieben kann und wie rasch Gesellschaften diese Verschiebung akzeptieren. Von Europa aus beobachten wir diese Entwicklung mit Erschütterung und tragen zugleich die Verantwortung, vergleichbare Tendenzen hier aufmerksam wahrzunehmen. Wachsamkeit gegenüber politischer Kommunikation ist daher keine Nebensache, sondern eine demokratische Notwendigkeit.
Zum Autor:
Philipp Strobl ist Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Wien, zuletzt publizierte er „A History of Displaced Knowledge“.
Kommentare