Das iranische Los: Wo bleibt der Löwe?
Im Nahen Osten sucht man gerne nach epischen Parallelen, um Zivilisationsansprüche zu erheben. Schon Herodot berichtete, wie Persien nach dem Sturz des „falschen Smerdis“ um Nachfolge und Herrschaftsform stritt. Ob Demokratie – damals per Losverfahren legitimiert – oder gewählte Oligarchie: Man einigte sich letztlich darauf, wessen Pferd in der Früh als Erstes wiehert. Darius, der für die Monarchie einstand, gewann dies mit dem Trick, seinen Hengst zuvor mit einer Stute vertraut zu machen. So ist das mit der Macht: Irgendwer muss es halt machen.
Hier in Israel wurde nun unter Raketenbeschuss in Tiefgaragen das biblische Purim gefeiert, wobei „Pur“ für das altpersische Wort des Loses steht. Laut dem Buch Esther loste der hohe persische Wesir Haman aus, wann er das jüdische Volk auslöschen wolle. Doch Esther, die Gemahlin des Perserkönigs, häufig als Xerxes I. identifiziert, bekam davon Wind und machte – mit vollem Risiko, ihr Leben zu verlieren – ihre lange verschwiegene jüdische Identität sichtbar. Durch ihren Mut wendete sich das Blatt: Haman fand stattdessen den Tod, und das jüdische Volk seine Selbstbestimmung.
Ivo Herzl
Viele Israelis sehen nun Parallelen, da das Mullah-Regime auch davon lebte, Israel auslöschen zu wollen, am 7. Oktober 2023 über seine Proxys ernst machte, nun aber als dezimiertes Häufchen einem selbstbewussten Israel gegenübersteht. Benannt nach Perserkönig Cyrus, der laut Bibel den Juden die Rückkehr nach Jerusalem erlaubte, um ihren zerstörten Tempel wieder aufzubauen, stehen die 2023 entwickelten Cyrus-Accords für eine Wiederherstellung der vor 1979 bestehenden iranisch-israelischen Freundschaft.
Frieden mit Israel – da ist sich die iranische Opposition weitestgehend einig. Doch wie die Nachfolge ausgefaxt werden soll, steht nun wieder im Raum. Der Mut zur Sichtbarkeit iranischer Frauen hat bisher keine Löwin zum Machtanspruch gebracht. Um Sonne und Löwe wieder auf der Flagge wehen zu lassen, rufen seit etlichen Monaten Iraner:innen „Javid Shah!“ nach der Vaterfigur „Reza Pahlavi“. Doch als Löwe tritt dieser nicht auf. Viele schätzen ihn für die Ruhe, die er ausstrahlt, doch ob darin auch Kraft liegt? Nachdem er Anfang Jänner dazu aufrief, die Proteste auszuweiten, liefen unbewaffnete Iraner:innen zu Zigtausenden ins offene Messer der Mullahs. Trump versprach daraufhin „Help is on the way“, die nun das islamistische Terror-Regime rasant dezimiert. Kurden – die seit Ewigkeiten nach Autonomie streben – hatten, teils mit bewaffneten Frauen, einst den IS besiegt, nur um von internationalen Partnern enttäuscht zu werden. Sie sind nun die einzig wahre Bodentruppe, doch Autonomie oder Föderalismus steht bei Pahlavi nicht im Programm.
Anstatt aber Washington zu verlassen und zumindest nach Israel zu fliegen, ist Pahlavis größte Sorge der Ruf nach territorialer Integrität und verstärkte Rufe der Diaspora. Bekommt das iranische Volk also einen Sonnenkönig durch ein wieherndes Pferd, eine Oligarchie zersplitterter Clans – oder wirft Trump einfach das Los?
Zum Autor:
Ivo Herzl ist Publizist, Blogger, Aktivist und Ludologe, der Spieltheorie mit Religions- und Medienwissenschaften verbindet.
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