Für mehr europäische Unabhängigkeit
Haben Sie einen Teil Ihrer Weihnachtseinkäufe auch online erledigt? Verwendeten Sie dafür ihre Visa- oder Mastercard, ApplePay, PayPal oder ähnliche – nicht-europäische – Zahlungssysteme? Selbstverständlich, werden Sie sagen. Damit sind sie nicht allein.
Mindestens jeder dritte Alltagseinkauf in Europa wird mittlerweile online getätigt, zwei Drittel davon werden über US-Zahlungssysteme abgewickelt. Tendenz steigend. 25 Jahre nach Einführung des Euro sind wir damit mehr und mehr auf die „Freundlichkeit Fremder“ angewiesen, die an unseren Zahlungsgewohnheiten verdienen, unsere Daten abschöpfen und den Geschäften, in denen wir täglich einkaufen, keine geringen Gebühren dafür verrechnen. Unsere Abhängigkeiten gehen also weit über den Verteidigungs- und Technologiebereich, die Energieversorgung oder die Medikamentenproduktion hinaus.
Paul Schmidt.
Auch offline digital zahlen
Aber auch für den Zahlungsverkehr gilt: das muss nicht so sein. Höchste Zeit also das Euro-Bargeld, um einen digitalen Euro, der in allen – nunmehr – 21 Euro-Ländern als öffentliches Zentralbankgeld Anwendung findet, zu erweitern. Er wäre eine europäische Antwort auf neue Realitäten und würde 350 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten zusätzliche Wahlfreiheit, besseren Datenschutz sowie den Händlern niedrigere Kosten bringen. Darüber hinaus wird er auf der Skihütte bzw. bei Stromausfällen auch offline verwendet werden können und auch jenen zur Verfügung gestellt werden, die nicht über eine Kreditkarte, ein Bankkonto oder ein Smartphone verfügen.
Trumps Muskelspiele
Während die USA unter Donald Trump ihre weltpolitischen Muskeln spielen – siehe aktuell Venezuela und Grönland – und das Recht des Stärkeren mit der Stärke des Rechts rücksichtslos kollidieren lassen, drehen sich die politischen Mühlen in Europa nur langsam. Seit Mitte 2023 gibt es ihn schon, den Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission zur Einführung des digitalen Euros. Meint man es ernst damit, die europäischen Entscheidungsspielräume nachhaltig zu stärken und unabhängiger werden zu wollen, müssen sich die EU-Mitgliedstaaten und die EU-Abgeordneten zu definitiven Entscheidungen durchringen. Je länger aber die Abstimmungsprozesse dauern, und je spärlicher die Information, desto größer die Mythenbildung und – vorläufige – Ablehnung. In Österreich ist der digitale Euro bisher auch – wenig überraschend – die große Unbekannte. Andererseits belegen europaweite Befragungen, dass zwei Drittel der Befragten, nachdem ihnen die Hintergründe und Funktionsweise des digitalen Euros erklärt wurden, interessiert daran sind, diesen auch auszuprobieren. Man sollte ihnen diese Möglichkeit geben.
Anwendungsfreundlich
Um angenommen zu werden, muss der digitale Euro anwendungsfreundlich konzipiert und landauf, landab erklärt werden. Richtig gemacht wäre seine baldige Einführung als Ergänzung zum Bargeld jedenfalls ein Gebot der Stunde. Stellen Sie sich vor, in den USA würden zwei Drittel der Online-Einkäufe über europäische Zahlungssysteme abgewickelt werden. Glauben sie, irgendein US-Präsident würde das akzeptieren? Eben!
Zum Autor:
Paul Schmidt ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (getragen von der OeNB und den Sozialpartnern).
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