© Herwig PRAMMER

Meinung Gastkommentar
03/31/2021

Zeit für mutige Entscheidungen

Wollen wir die Pandemie besiegen, müssen wir Patente aussetzen

Derzeit läuft im Kampf gegen die Pandemie leider vieles schief. Nicht nur in Österreich. Ja, auch hier gibt es viel Luft nach oben – aber vergleicht man die aktuelle Lage aber mit vielen Ländern, in denen Ärzte ohne Grenzen tätig ist, ist Österreich so etwas wie ein Impfparadies.

Während wir darüber diskutieren, ob 100.000 „liegengelassene“ Impfdosen bei einer Gesamtbestellung von 30,5 Millionen Impfdosen ein Skandal sind, können die meisten Länder im Globalen Süden höchstens hoffen, irgendwann in den kommenden Jahren mit dem Impfen zu starten. Das Problem ist die Impfstoffknappheit: Eigentlich würde man glauben, dass in einer Pandemie jedes Mittel recht ist, genügend Impfstoffe herzustellen – Hauptsache, der Virus wird besiegt.

Doch derzeit verhindern einige große Pharmaunternehmen genau das. Sie haben den Bauplan ihrer Vakzine durch Patente gesichert – niemand anderer darf die Stoffe produzieren und verkaufen. Das Erstaunliche daran: Regierungen lassen dies zu, obwohl sie die Entwicklung der Impfstoffe mit vielen Steuer-Milliarden gefördert haben.

Die Folgen sind dramatisch: Wenige Unternehmen bilden das Nadelöhr dieser Pandemie; sie kommen mit dem Produzieren nicht nach. Wir können das täglich in den Nachrichten verfolgen. Menschen sterben deshalb, nicht nur bei uns, sondern weltweit. Schlimmer noch: Auf globaler Ebene treffen diese Unternehmen ihre Entscheidungen weiterhin nach marktwirtschaftlichen Prioritäten, nicht nach gesundheitlichen. Dadurch entsteht eine Bevorzugung reicher Länder.

Fakt ist: Das medizinische Gebot der Stunde wäre, die Impfstoffproduktion jetzt massiv hochzufahren und so eine weltweite Verteilung zu ermöglichen. Das ist nur möglich, wenn die Patente auf COVID-19-Impfstoffe zumindest für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden. Würden Pharmafirmen ihr Know-how und Technologien teilen, wäre eine raschere globale Versorgung mit COVID-19-Impfstoffen möglich. Leider wehren sich die Unternehmen gegen diesen Vorschlag: Die Pharmaindustrie – in Österreich repräsentiert durch die Pharmig – wird nicht müde zu betonen, dass eine solche Steigerung der Produktionskapazitäten zu komplex und deshalb nicht möglich sei.

Was nicht gesagt wird: Es gibt bereits viele Hersteller weltweit, die Impfstoffe nach höchsten Qualitätsstandards produzieren – sei es in Indien, Südafrika oder Nigeria. Tatsächlich gibt es gut vier Dutzend Unternehmen, die dazu – zeitnah – in der Lage wären. Wenn man sie lassen würde.

Im Klartext: Wenn die Pharmaindustrie sich querlegt, braucht es auf politischer Ebene mutige Entscheidungen. Auch in Österreich, denn noch gehören wir zu jenen Staaten, die eine temporäre Aussetzung der Impfstoff-Patente bei der Welthandelsorganisation blockieren, obwohl mehr als 100 Länder sich dafür aussprechen. Was wir jetzt brauchen, sind mutige Entscheidung. Denn eine Pandemie ist erst dann zu Ende, wenn sie überall beendet ist.

Laura Leyser ist Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich.

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