© Foto Wilke

Gastkommentar

Warum der Impfstoff in Europa eng wird

Langsame Zulassungsverfahren und Gewinnmaximierung in der Pharmaindustrie führen zu den schmerzlichen Lücken

02/17/2021, 11:49 AM

Der Impfstoffengpass in Europa ist auf mehrere Gründe zurückzuführen. So werden die meisten neuen Medikamente zuerst in den USA der dortigen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) vorgelegt, um auf den profitabelsten Pharmamarkt eine Zulassung zu erreichen. Dies ist auch bei den derzeit für Europa wichtigen Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna der Fall.

Zweitens hat die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) zu lange für die Zulassung in Europa benötigt, was auch für den zuletzt zugelassen Impfstoff von Astra Zeneca, der mittlerweile bereits in 50 Länder zugelassen ist, gilt.

Schließlich haben sich ja schon andere Behörden wie die FDA oder die britische Zulassungsbehörde mit derselben Frage beschäftigt und den Impfstoffen bedingte Zulassung erteilt.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die dort tätigen Experten über hohe Kompetenz verfügen, außerdem sind deren Dossiers öffentlich zugänglich, sodass durch eine weitere Prüfung durch europäische Experten wohl keine gegenteiligen Schlussfolgerungen zu erwarten sind.

In diesem Kontext entsteht natürlich das Problem, dass die verzögerte Zulassungsgenehmigung von Covid-Impfstoffen in Europa für Tausende Europäer zu spät gekommen ist beziehungsweise noch kommen wird und wir mehr Covid-Todesfälle beklagen müssen, als unter Impfschutz der Fall gewesen wäre.

Evolutionsprinzip

Der ungenügende Impfschutz der Europäer sowie der mangelhafte Impfschutz weltweit eröffnet SARS-CoV-2 die Möglichkeit, sich nach dem Darwin’schen Evolutionsprinzip laufend durch entsprechende Mutationen anzupassen, sodass sich die fittesten Viren, also jene, die besonders ansteckend sind, automatisch durchsetzen werden.

Eine unerfreuliche Erkenntnis ist, dass die von den Finanzmärkten geforderte Gewinnmaximierung in der Pharmaindustrie die eingegangenen Lieferverpflichtungen einzelner Konzerne einfach aushebelt und Europa im wahrsten Sinn des Wortes auf dem Trockenen zurück lässt.

Auf die Einhaltung der getroffenen Verträge zu pochen, scheint ebenso aussichtslos, wie auf das moralische Gewissen der Entscheidungsträger zu hoffen.

Nicht unerwähnt sollten aber die mehrere hundert Millionen schweren Beiträge der öffentlichen Hand an Forschungsunterstützung bleiben, die direkt der Firma Biontech zugekommen sind.

Hinzuzufügen ist, dass die rasche, erfolgreiche Entwicklung der Impfstoffe erst durch viele wesentliche Vorarbeiten, die in universitären Einrichtungen erarbeitet wurden, die von der Gesellschaft finanziert werden, ermöglicht wurde.

Obwohl Biontech vom Österreicher Christoph Huber in Mainz gegründet wurde und den ersten in Europa zugelassenen Impfstoff entwickelt hat, werden die Früchte dieses tollen Erfolges aufgrund der Entscheidungen des amerikanischen Partnerunternehmens vorerst anderen Ländern zukommen. Somit trifft das Lied „Money makes the world go round“ aus dem Film „Cabaret“ den Kernpunkt des Problems.

Heinz Ludwig ist  Leiter des Wihelminenkrebsforschungsinstituts in Wien.

 

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