© BFI Wien/Sebastian Kaczor

Meinung Gastkommentar
05/05/2021

Viel besser als ihr Ruf

Warum die Überbetriebliche Lehre kein Stigma ist

Neue Initiativen wie die „10.000 Chancen-Lehrlingsoffensive“ sind immer zu begrüßen. Auch berechtigte Kritik an etablierten Systemen ist legitim – sogar förderlich. Die permanente Wiederholung falscher Behauptungen ist aber keinesfalls der Sache dienlich. Schon gar nicht, wenn es um etwas Essenzielles wie die Jugendarbeitslosigkeit und die Überbetriebliche Lehre (ÜBA) geht: Schon seit ihrer Einrichtung in den 1990ern geistert die Mär durchs Land, dass es sich um eine Lehre zweiter Klasse handelt.

Dass sie eine „Falle“ ist und die Absolventen nicht vermittelbar sind. Dass die Jugendlichen praxisfern „bespaßt“ werden und die Bildungseinrichtungen Kandidaten vom Lehrstellenmarkt fernhalten, indem sie aus Geldgier auf ihnen „sitzen“. Immer wieder gerne aufgekocht, könnten diese Punkte nicht ferner der Realität sein.

Nehmen wir das letzte Jahr her: Zum Ausbruch der Pandemie standen in Wien 3579 Lehrstellensuchende 179 sofort verfügbaren Lehrstellen gegenüber. Ein Verhältnis von 20 zu eins. Die Situation verbesserte sich zwar, pendelte sich im Schnitt aber bei 10 zu eins ein. Das heißt im Umkehrschluss: Neun von zehn Jugendlichen standen ohne Ausbildungsplatz da. Ja, bei manchen waren die Grundvoraussetzungen für den Einstieg in eine betriebliche Lehre noch nicht da – und sie benötigten die in der ÜBA ermöglichte Reifezeit.

Das alleine erklärt aber nicht das Missverhältnis. Vielmehr gab es schlicht zu wenige Lehrplätze! Ein Ausnahmejahr? Bestimmt. er im Schnitt kommen auch in „normalen Jahren“ in Wien sechs Jugendliche auf eine Lehrstelle. Natürlich könnte man sich jetzt dem Sozialdarwinismus hingeben – quasi „Pech gehabt!“. Aber so sind wir nicht in diesem Land. Und die ÜBA kann einem Teil der Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bieten.

Von der ÜBA profitieren Jugendliche, Betriebe und die Wirtschaft. Eine Analyse von Synthesis Forschung hat ergeben, dass 70 Prozent der ÜBA-Absolventen kurz nach Ende der Ausbildung als Fachkräfte tätig sind. Das heißt, dass Österreichs Betriebe auf knapp 6.000 gut ausgebildete Fachkräfte jährlich zurückgreifen – die Hälfte wechselt schon während der Ausbildungszeit aus der ÜBA in die Betriebe. Das ist auch der beharrlichen Vermittlungsaktivität der Schulungseinrichtungen geschuldet. Das positive Feedback und „Wiederbuchverhalten“ der Unternehmen deuten auch nicht darauf hin, dass die ÜBA-Lehrlinge nicht gern gesehen wären.

Und so profitiert auch der Staat: Schon im vierten Jahr nach Ausbildungsende sind die Kosten wieder hereingespielt – es bleiben sogar realwirtschaftliche Erträge von fast 30 Mio. Euro. Natürlich kann man diese Fakten weiter negieren. Man könnte aber auch die ÜBA als das sehen, was sie ist: Kein Wundermittel – aber ein hervorragendes und für den Staat kostenneutrales Werkzeug, um jungen Menschen eine Zukunft und der Wirtschaft gutausgebildete Fachkräfte zu liefern.

Franz-Josef Lackinger ist Geschäftsführer des BFI Wien.

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