Mehr Hasardeur als Stratege

Mehr Hasardeur als Stratege
Wladimir Putin führt sein Land zunehmend in die Sackgasse

Mit der Teilmobilmachung wollte Putin Stärke und Entschlossenheit demonstrieren. Dafür ist die Behauptung der eroberten Gebiete von größter Bedeutung. Mit Fortdauer des Kriegs verschlechtert sich allerdings die geostrategische Lage Russlands.

Die täglichen Kriegskosten steigen rasant, während die „Melkkuh Europa“ als wichtigster Gas- und Ölabnehmer seine Abhängigkeit radikal reduziert. Alternative Käufer wie China und Indien übernehmen zwar einen geringen Teil der Lieferungen, allerdings mit starken Rabatten – auf Dauer kein gutes Geschäft für Moskau. Westliche Sanktionen schaden Russland bereits enorm. Der Krieg könnte Russland in seiner ökonomischen und technologischen Entwicklung um Jahrzehnte zurückwerfen.

Selbst Putins Hoffnung, geopolitisch punkten zu können, erweist sich als Irrtum. China und Indien verhängen zwar keine Sanktionen. Sie lassen aber den Kreml, wie zuletzt beim Ostasiatischen Wirtschaftsgipfel oder beim Treffen der Schanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO), wissen, dass sie den Krieg ablehnen.

Russische Drohungen, Atomwaffen einzusetzen, stellen auch für China eine rote Linie dar. Peking übernimmt immer stärker die Führungsrolle im zentralasiatischen Raum und degradiert Moskau zum abhängigen Juniorpartner. Dazu fügt sich das Imagedesaster der russischen Armee. Ihr bisheriger Nimbus von Überlegenheit schwindet zusehends. Damit verliert Russland an Abschreckungswirkung, der Einfluss als Ordnungsmacht im Raum der ehemaligen Sowjetunion nimmt ab. Dass Europa nun im NATO-Rahmen verstärkt gegen ein feindliches Russland aufrüstet, sei nur der Vollständigkeit halber angeführt. Noch sind die innenpolitischen Auswirkungen des militärischen Misserfolgs und der holprigen Teilmobilmachung nicht absehbar. Putin kann rasch in Bedrängnis geraten, wenn herzeigbare politische und militärische Erfolge ausbleiben, aber immer mehr Särge mit gefallenen Soldaten nach Hause kommen.

Warum also riskiert Russlands Präsident, sein Land zum internationalen Paria zu machen und wirtschaftlich massiv zu schaden? Selbst, wenn er Teile der Ukraine annektiert – das bringt keinen Frieden. Die Ukraine wird dagegen ankämpfen und Russland zwingen, auf lange Zeit erhebliche wirtschaftliche und militärische Ressourcen aufzuwenden, um sich zu halten. Putin forciert also einen Krieg, der einen sehr hohen Preis abverlangt.

Er beraubt sich der vitalen Einnahmen aus den Energielieferungen nach Europa sowie westlicher Technologie, während die Abhängigkeit von China steigt. Mit der Teilmobilmachung riskiert er, den Rückhalt in der eigenen Bevölkerung zu verlieren. Das ist weniger Staatskunst oder strategische Brillanz, vielmehr erweckt es den Eindruck von Fehleinschätzungen und politischem Hasardieren.

Walter Feichtinger ist Präsident des Center für Strategische Analysen (CSA)

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