© Kurier/Gerhard Deutsch

Gastkommentar
04/12/2021

Ich halte den Lockdown nicht mehr aus

Der Schutz sollte Pflicht werden – nicht der Verzicht. Junge Menschen treffen einander trotz aller Verordnungen

Die Medien verwenden oft Phrasen wie: „Die Zustimmung der Bevölkerung gegenüber den Maßnahmen sinkt“. Ich bin 20 Jahre jung und mit einem großen Freundeskreis gesegnet. Ich kann nicht für die ganze Bevölkerung sprechen, aber ich kann Ihnen sagen, wie es bei der Wiener Jugend aussieht: Wir haben keine Lust mehr! Aber bevor sie hier vorschnell ein Urteil fällen, möchte ich Ihnen erklären, worauf wir keine Lust mehr haben: allein zu sein.

Ich habe den großen Schritt gewagt, die Wohnung meiner Eltern zu verlassen. Und jetzt muss ich mir Folgendes von der Regierung vorschreiben lassen: Bleib zuhause. Die Uni bleibt geschlossen. Das gesamte Nachtleben ist gestrichen. Und eh klar: Triff deine Freunde nicht. Denn die sind gefährlich. Und neue Freunde kennenlernen, darfst du ja irgendwann einmal in der Zukunft.

Dass ich ungeachtet des Lockdowns trotzdem meine Freunde treffe, hat mir bisher niemand aus meiner Familie zum Vorwurf gemacht. Und ich besuche trotzdem regelmäßig meine Großeltern (80+), mit denen ich erst seit Kurzem angefangen haben, wirklich intensive und interessante Gespräche zu führen.

Wie ich das mit meinem Gewissen vereinbaren kann, sie dem Risiko auszusetzen, fragen Sie sich jetzt vielleicht? Ganz objektiv verstoßen meine Freunde und ich gegen eine Verordnung. Da haben Sie recht. Aber unsere Großeltern und alle anderen Verwandten, die zur Risikogruppe zählen, sind uns deshalb nicht egal.

Ganz im Gegenteil.

Wie schaffen ich und meine Freunde also diesen Spagat? Die Maßnahmen der Regierung zu belächeln und trotzdem Familie und Verwandte vor dem Virus zu schützen? Schutz ist hier das Stichwort. Wir schützen uns selbst, vor einer Ansteckung. Ich gehe mich mindestens einmal in der Woche testen.

Jedes Mal, wenn ich meine Freunde treffe, lassen sich alle Anwesenden kurz davor testen. Wir verzichten auf zu große Gruppen. Tragen brav unsere Masken. Waschen uns die Hände. Viele meiner engen Freunde, inklusive mir, tragen eine Flasche mit Desinfektionsmittel im Rucksack herum.

Wir sind jung. Wir können nicht ohne unsere Freunde leben. Die Einschränkungen der Regierung treffen viele von uns schwer. Aber wir sind nicht unvernünftig. In meinem Freundeskreis haben wir unsere eigenen Regeln aufgestellt. Als einer von uns positiv getestet wurde – wir haben uns sofort isoliert und 1450 gewählt.

Ich möchte hier einen Appell an alle Leser und an die Regierung richten. Obwohl mir klar ist, dass letztere meine Botschaft nicht vernehmen wird. Wir werden das Virus nicht mit Maßnahmen besiegen, an die sich sowieso niemand hält. Wir werden das Virus nicht besiegen, indem wir pauschal alles zusperren, wo Menschen neben Menschen stehen.

Da wird die Bevölkerung nicht mehr mitziehen, sie tut es ohnehin nicht mehr. Der Schutz sollte verpflichtend werden – nicht der Verzicht!

Mein Vorschlag: Verpflichtendes Testen. Menschen dürfen sich treffen, aber nur mit negativem Test. Und bitte: Holt die Stopp-Corona App zurück! Die Gesundheit meiner Oma ist mir wichtiger als der krankhafte Drang nach Datenschutz.

Jan K. ist 20 Jahre alt und Student in Wien.

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