© robin n. perner

Meinung Gastkommentar
12/22/2021

Die Pflicht, froh und lustig zu sein

Alkohol tötet den Geist des Selbstvertrauens

Weihnachten naht und damit die Pflicht, „froh und lustig zu sein“, auch wenn zwei Jahre Pandemie für sehr viele Verlust der Möglichkeiten bedeutet, anderen nahe zu kommen und sich live auszutauschen, nicht nur virtuell. In der psychotherapeutischen Schule der Transaktionsanalyse heißt das Stroke-Ökonomie: Man braucht den Austausch von „Zuwendungsenergie“, positiver oder andernfalls sogar negativer, denn auch ein unangenehmer „Stroke“ (behübschend mit „Streicheleinheit“ übersetzt, meint das Wort aber auch „Streich“ wie „Backenstreich“) ist besser als gar kein Stroke. Dies wäre der Zustand von Ignoriertwerden, Ausschluss, Isolation. Statt Stroke kann man auch „Energie“ sagen: Aufmerksamkeitsenergie, Zuwendungsenergie, Anerkennungsenergie … alles, was man als Wärme im sich weitenden Herzen verspürt. Da gehört auch Empörung und Wut dazu. Empörungsenergie. Kampfenergie. Adrenalin halt.

Depressivität kann auch als Energiemangel interpretiert werden – wenn plötzlich etwas Gewohntes, gar Geliebtes wegfällt oder nicht auftaucht. „Ein Königreich für einen Text und eine Melodie“ sang Udo Jürgens („Ladies and Gentlemen“), oder zu Weihnachten die rettende Geschenkidee in letzter Minute. Was fehlt, ist Inspiration – und da steckt das Wort Spirit drin, zu Deutsch Geist. Deswegen kippen manche Hochprozentiges, um ihren Geist anzuregen – oder zu beruhigen. Alkohol wirkt, zumindest in der ersten, der „Dopingphase“, stimmungsaufhellend – und das hilft bei steifen Büro- oder Familienfeiern, die geforderte Fröhlichkeit anzuregen – oder zumindest durchzuhalten, immer in der Hoffnung, dass sie sich einstellen möge.

Oder dass man nichts mehr „mitkriegt“ – Sticheleien etwa, oder sexuelle Anmache (welch passend doppeldeutiges Wort!). Oder eben Einsamkeit – wenn alle sich anscheinend gut unterhalten, nur nicht mit einem selbst.

Da hoffen manche, dass Alkohol hilft, die aufsteigenden Impulse abzutöten – aber was abgetötet wird, ist der Geist des Widerstands, des Selbstvertrauens und der Selbstfürsorge. Einsamkeit zu ertragen, ist ein Lernprozess: Schon in der Kindheit sollte man ungestört „für sich“ spielen dürfen und nicht zu Gruppenverhalten gezwungen werden. Das kommt ohnedies von selbst.

Umgekehrt werden schon jüngste Menschen mit aufgezwungener Einsamkeit bestraft, und Isolation, Verbannung, Ausstoßung aus der Gemeinschaft ist die ärgste Strafe, die es gibt. Ich habe das ausführlich in meinem Buch „Der einsame Mensch“ (Amalthea 2014) geschildert. Nach 48 Stunden ohne menschlichen Kontakt werden viele Menschen psychotisch – wahnhaft, selbst- oder fremdverletzend – außer sie verbinden sich mit dem, was wir Gott nennen, Natur, das Schöne, das Erhabene, Heilige. Wohl deshalb schrieb C. G. Jung an Bill W., den Gründer der Anonymen Alkoholiker, es gälte, „Spiritus contra spiritum“ einzusetzen: Heiligen Geist gegen Brennspiritus.

Rotraud Perner ist Juristin und Psychotherapeutin.

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