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Meinung Gastkommentar
03/31/2021

Der Vergleich stimmt positiv

Österreich schlägt sich in der Pandemie nicht schlecht

Will man nach einem Jahr Corona ein Urteil über die Situation in Österreich abgeben und den politisch Verantwortlichen ein einigermaßen faires Zeugnis ausstellen, muss man den Blickwinkel ein wenig erweitern. Aktuelle Vergleiche mit anderen europäischen Staaten und ein Blick in die Geschichte können da helfen. In der historischen Betrachtung zeigt sich dabei deutlich, wie sehr die jeweiligen Handlungsspielräume die Politik bestimmen. Um es vorwegzunehmen: Berücksichtigt man alle diese Kriterien, dann haben sich die politischen Akteure in diesem Corona-Jahr recht passabel geschlagen. Betrachtet man die Zahlen im übrigen Europa sowie die dort gesetzten Maßnahmen und hört man die geradezu bewundernden Beurteilungen über Österreich in deutschen Talk-Shows, dann wird man wohl zu einem recht positiven Urteil kommen. Blickt man zurück, so kommt man unweigerlich zur Spanischen Grippe vor 100 Jahren. Diese Pandemie, deren Erreger man bis in die Dreißigerjahre nicht kannte, erreichte im Mai 1918 Österreich und wurde vorerst als normale Grippe verharmlost.

Nachdem vor dem Sommer in Tirol und Wien zahlreiche schwere Fälle auftraten, verordnete man für Tirol eine „Sommerfrischensperre“, die heftigst bekämpft wurde. Die Krankheit erreichte ihren traurigen Höhepunkt gegen Ende 1918, als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, die Monarchie zusammenbrach und die junge Republik mit ganz anderen Sorgen kämpfte. Tausende, vor allem junge Menschen wurden dahingerafft, das Gesundheitssystem lag durch den Krieg darnieder. Es wurde an den Selbstschutz appelliert, Bettruhe verordnet und Aspirin verschrieben. Noch in den letzten Monaten der Monarchie wurde ein eigenes Ministerium für Volksgesundheit geschaffen, das erste in Europa.

Die Vorwürfe an die Politik klangen wie heute: zu späte Vorkehrungen, zu wenig Medikamente, zu wenig Ärzte und Pflegepersonal, zu wenig Spitalsplätze. Der Gesundheitsminister beklagte, dass Deutschland große Mengen Aspirin zurückhielt, Ärzte seien in den Militärspitälern eingesetzt, die Isolierung der Erkrankten sei praktisch unmöglich, weshalb man auf die Anzeigepflicht nach dem Epidemiegesetz 1913 (das im Wesentlichen noch heute gilt) verzichtete. Daher gab es auch keine genauen Zahlen der Krankheitsfälle – jedenfalls waren es hunderttausende. Gastronomie, Kinos, Theater und Schulen wurden in Wien sehr spät und jeweils nur für wenige Wochen geschlossen. Nach kurzem Abschwellen stieg die Pandemie ein Jahr nach ihrem Beginn wieder an und klang erst im Frühjahr 1922 aus. Bis dahin waren in Österreich etwa 40.000 Menschen an der „Spanischen Grippe“ verstorben. Verschwörungstheorien gab es auch damals, Demonstrationen dazu keine. Die Menschen demonstrierten für Demokratie und Republik und steckten sich dabei wohl genauso an wie heute.

Franz Schausberger ist Universitätsprofessor für Neuere Österreichische Geschichte und ehemaliger Landeshauptmann von Salzburg.

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