Meinung | Fußball-WM
10.07.2018

Meine Favoriten werden doch scheitern

Ich kann ihr andauerndes „Das Spiel ist leider kein Leckerbissen“ nicht mehr hören.

Warum ich mich über die ORF-Experten ärgere und nicht mehr an mein „Traumfinale EnglandBelgien glaube.Vor der WM habe ich mich auf meine Weltmeister-Tipps England und Belgien festgelegt. Mittlerweile glaube ich, dass ich doch nicht Recht behalten werde.

Aber dazu später. Vorweg möchte ich unsere drei ORF-Experten in die Pflicht nehmen: Ich kann ihr andauerndes „Das Spiel ist leider kein Leckerbissen“ nicht mehr hören. Warum geht es denn in einem K.-o.-Spiel bei der WM? Um das Schönspielen, oder doch um das Gewinnen? Es wäre eine Illusion zu glauben, dass mit diesem riesigen Druck und der Aufgabe, alles dem Sieg unterzuordnen, auch noch ein ästhetischer Leckerbissen rauskommen kann.

Von den Semifinalisten wird keiner klar offensiv spielen. Es geht um Defensivverbünde, schnelle Gegenstöße und kalkuliertes Risiko. Am Ende zählt der Pokal, sonst nichts.

Nainggolan als Problem

Deswegen war es auch gut, von Roberto Martínez bei der Endrunde auf Radja Nainggolan zu verzichten. Sicher, der Italien-Legionär ist ein starker Sechser. Aber auch einer, der gerne über die Stränge schlägt und auch mal zu tief ins Glas schaut. Über die vielen gemeinsamen Wochen – vom Trainingslager bis ins Finale sind es fast zwei Monate – kann der absolute Erfolg nur gelingen, wenn sich alle höchst professionell verhalten.

Die alte Schule – ein bissl Spaß muss sein – kann nicht mehr funktionieren. Martínez hat uns beim FA-Cup-Sieg 2013 strengstes Alkohol-Verbot auferlegt. Mittlerweile höre ich, dass er auch beim Essen ähnlich streng ist. Das war damals noch anders. Vor dem Finale gab es im Hotel spanische Spezialitäten vom Schwein. Ich habe mich geweigert, das zu essen.

Heute lässt Martínez sicher nur besonders gesunde Speisen als Vorbereitung auf das Semifinale auftischen. Trotzdem glaube ich, dass es gegen Frankreich nicht reichen wird. Die Belgier hatten mit dem gedrehten Spiel gegen Japan ihr Schlüsselerlebnis. Die Franzosen hatten ihres schon 2016: Es wirkt auf mich so, als wäre das verlorene Finale der Heim-EM so gut verarbeitet, dass jetzt alles Richtung Titel läuft.

Englischer Erfolg

Morgen könnte es auch meinen zweiten Favoriten erwischen. Ohne Zweifel: Die WM ist ein großer Erfolg für England. Erstmals ein Elfmeterschießen gewonnen, einen starken Tormann gefunden und nach 28 Jahren ein Semifinale erreicht.

Das ist besonders für die Bevölkerung wichtig: Bisher war immer nur der Anspruch groß, aber das Vertrauen in die Spieler klein. Dieses Muster wurde durchbrochen. Aber: Der Verband hat 2012 ein Zehn-Jahres-Projekt aufgesetzt, mit dem Ziel WM-Titel 2022. Ich glaube, dass Zielsetzung und Gedankenkraft prägend sind. Der Titel käme demnach zu früh, die Spieler haben unterbewusst noch vier Jahre Zeit. Und wenn es doch zu meinem „ Traumfinale“ kommt? Hat der Fußball bewiesen, dass er auch aufgrund seines Überraschungsfaktors so beliebt ist.

paul.scharner@kurier.at