Meinung | Fußball-WM
29.06.2018

Ausgefuchst: Eine WM auf hohem Niveau, aber nicht spektakulär

Über die Gründe für das Aus der Deutschen kann man nur spekulieren. Da liegen Außenstehende meist falsch. Das habe ich selbst erlebt.

Die Vorrunde ist gespielt, und wir haben eine Überraschung und eine Sensation. Überraschend war, dass Argentinien nur mit Ach und Krach den Aufstieg geschafft hat. Sensationell war natürlich das Aus des Weltmeisters. Dass es einen neuen Weltmeister gibt, ist nicht überraschend, wenn man sich die letzten Turniere anschaut. Auch nicht, dass der Titelverteidiger früh ausscheidet. Aber dass Deutschland so enttäuschen würde, hätte ich nicht gedacht.

Gruppenletzter als Weltmeister, das ist wirklich hart, aber aufgrund der Leistungen nicht einmal unverdient.

Ich denke, es hat bei der Kaderzusammenstellung angefangen. Ich war wirklich überrascht, als ich den Post von Leroy Sané gelesen habe, dass er enttäuscht ist, dass er bei der WM nicht dabei ist. Über andere Gründe können Außenstehende nur spekulieren.

Und das habe ich nach unserem Aus vor zwei Jahren bei der EM in Frankreich auch hautnah miterlebt. Da wird schnell viel geschrieben, und nur fünf Prozent davon entsprechen der Wahrheit.

Positiv überrascht haben mich hingegen die Kroaten mit ihren drei Siegen in der Vorrunde. Ich finde auch die Arbeit von Gareth Southgate bemerkenswert: Der hat aus der jüngsten Mannschaft der WM eine schlagkräftige Truppe geformt. Mit England ist zu rechnen, auch wenn wir wissen, dass es bei den Briten schnell in beide Richtungen gehen kann.

Ronaldo ist der StarZudem ist Harry Kane für mich herausragend. Er hat seinen Torriecher aus der Premier League zur WM mitgenommen. Der Star ist für mich bislang Cristiano Ronaldo mit seinem Dreierpack gegen Spanien. Es sind die arrivierten Spieler, die herausgestochen haben. Ronaldo, Kane, Lukaku, Hazard und Messi bei seinem Tor gegen Nigeria lieferten Gala-Auftritte. Ein klarer Aufsteiger hat sich für mich noch nicht herauskristallisiert, aber das mit dem Rising Star wird noch werden.

Etwas Besonderes, etwas Neues habe ich bei den Spielsystemen bislang nicht ausgemacht. Es geht in der Gruppenphase darum, schnell die Punkte zu machen, um aufzusteigen. Und dafür muss man nicht zwingend attraktiven Offensivfußball spielen. Ich wurde vor zwei Jahren mit Leicester überraschend Meister. Dabei wurden wir auch Anti-Barcelona genannt, weil wir mitunter den geringsten Ballbesitz hatten. Klar wollen wir alle spektakulären Fußball sehen, aber der wurde in Russland bislang definitiv nicht geboten.

Einige Mannschaften haben auch nicht die Ballzauberer zur Verfügung. So machen sie es über harte Arbeit, die auch hoch einzuschätzen ist. Auch kleine Nationen können sehr gut verteidigen. Und es ist schwierig und frustrierend, gegen eine Elf-Mann-Mauer anzulaufen. Damit müssen die großen Nationen aber rechnen.

Es ist ein Turnier auf hohem Level, und man darf gespannt sein, wer in die Fußstapfen der Deutschen tritt. Ich freue mich schon auf die finalen Spiele. Da wird sich die Mentalität der Spieler ändern, weil jeder Fehler das Aus bedeuten kann.

Christian Fuchs (32) war Teamkapitän und hat im Sommer 2016 nach 78 Spielen seine Teamkarriere beendet.