Meinung
10.06.2018

Fragen an die Regierung sind noch keine Majestäts-Beleidigung

Ein Machtwechsel sollte längst normal sein. Aber auch Türkis-Blau hat beim Umgang mit Kritik noch Luft nach oben.

Feedback von Leserinnen und Lesern gehören für Medienmacher zum spannendsten und gelegentlich auch herausfordernsten. Im Alltag findet dieser Austausch unpersönlich statt – per E-Mail oder Postings, vereinzelt auch noch per Brief oder Telefon.

Wie in vielen anderen Lebensbereichen gilt auch hier die Regel: Bad news run fast. Kritik kommt vor Applaus.

Persönliche Begegnungen in großer Zahl sind dank des „Tages der offenen Tür“ im KURIER-Medienhaus gesichert. Diese Woche wurde zudem die Summerstage am Wiener Donaukanal einen Abend lang zur Bühne für den KURIER und seine Leserinnen und Leser. An drei Schauplätzen luden KURIER-Autoren zu Lesungen und Talks. KURIER-Karikaturist Michael Pammesberger und ihr Kolumnist hatten das Vergnügen miteinander über das Spannungsfeld zwischen Politik und Medien zu reden. Schauplatz für diesen Teil der KURIER-Nachtlese am Donaukanal originellerweise jener Saal der Wiener Urania, in dem am Wochenende seit Jahrzehnten nach wie vor das traditionelle Kasperltheater abseits der Politik geboten wird. Moderiert vom langjährigen Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung Charles Ritterband entwickelte sich ein Gespräch, das ein Thema dominierte: Was ist seit dem Machtwechsel von Rot-Schwarz zu Türkis-Blau neu oder anders am Umgang zwischen Medien und Politik?

Primitive Buh-Rufe und schale Jubel-ChöreDiese Frage beherrscht auch ein halbes Jahr nach Start des Kabinetts Kurz-Strache den Alltag im Spannungsfeld von Medien und Politik.

Ein Machtwechsel sollte in einer Demokratie normal sein, ist es aber (noch) nicht. Manche Medien tun sich noch immer schwer, das richtige Maß zu finden. Auf dem Boulevard werden wieder ganze Fanmeilen mit Claqueuren und Hosianna-Rufern aufgemacht. Bei der größten Oppositionspartei dominiert da und dort noch immer Beleidigtheit ob der blamablen Abwahl.

(Noch) nicht normal ist auch der Umgang der neuen Machthaber mit der (kritischen) Öffentlichkeit. Dass PR-Leute alles tun, um Medien als Bühne der perfekten Selbstdarstellung zu nutzen, ist deren Job und normal.

Dass Medienauftritte bald nur noch Inszenierung und kaum Zeit und Raum für Fragen oder kritische Auseinandersetzung bieten, darf aber nicht normal werden. Auch nicht, dass Kritik als Majestätsbeleidigung und Fragen patzig abgetan werden. Viele blaue Minister verweigern sich überhaupt Medien, die nicht für sie Krawall machen oder den rot-weiß-roten Teppich legen.

Medien und Politik sind kein Selbstzweck: Am Ende geht es nicht um die Befindlichkeit zwischen Journalisten und Regierung, sondern um Medienkonsumenten und Wähler, die sich mangels Gesprächs- und Diskussionsbereitschaft ausgeschlossen und ignoriert fühlen.

Sie verlangen nach Information statt Propaganda. Sie wollen nicht mit primitiven Buh-Rufen oder schalen Jubelchören abgespeist werden. Eine Regierung, die wieder gewählt werden will, sollte das bei Zeiten ernst nehmen.