Ein Zuviel des Guten: Gentherapien zum Leistungsdoping

In Zukunft könnte Doping über Gentherapien die Leistung neu definieren. Es braucht bereits jetzt Richtlinien zur Regulation.
Marlene Auer
Ein Zuviel des Guten: Gentherapien zum Leistungsdoping

Der Mensch strebt seit jeher nach mehr: mehr Kraft, mehr Ausdauer, mehr Konzentration, mehr Kreativität. Technologien und Methoden, von Maschinen über Ernährung bis Training, haben unsere Leistungsfähigkeit immer wieder gesteigert. Nun aber stehen wir an einem Wendepunkt: Gentherapien, die bislang als medizinische Rettungsanker bei schweren Krankheiten eingesetzt werden, eröffnen die Möglichkeit, körperliche und womöglich auch geistige Fähigkeiten gezielt zu optimieren. Anders als klassische Medikamente wirken sie direkt auf das Genom, verändern Muskeln, Regenerationsfähigkeit, kognitive Leistungen und Belastbarkeit langfristig und oft unsichtbar. Die Grenze zwischen Therapie und gezielter Leistungssteigerung verschwimmt, und damit auch die ethischen Grundlinien.

Wachsender Druck

Während die Genschere CRISPR/Cas9 etwa bei bestimmten Blutkrankheiten bereits eingesetzt wird, wie Genetiker Markus Hengstschläger erzählt, drängt sich perspektivisch die Frage auf, welche Rolle generell Gentherapien in Zukunft bei gesunden Menschen spielen könnten, wenn sie verfügbar gemacht würden. In Beruf oder Alltag könnte der Druck, sich genetisch zu optimieren, erheblich wachsen. Aber: Wer darf entscheiden, wer Zugang zu solchen Technologien bekommt, und wie kann verhindert werden, dass Menschen unter stillschweigendem Leistungsdruck leiden? Es geht nicht nur um Fairness oder Chancengleichheit, sondern um gesellschaftliche Integrität. Wenn biologische Optimierung unverzichtbar wird, drohen soziale Ungleichheit, ein Wettbewerb der Labore und die Erosion dessen, was wir als natürliche menschliche Leistung definieren.

Die Herausforderung lässt sich nicht durch Verbote alleine lösen. Es braucht international abgestimmte Regeln, ethische Leitlinien und Strukturen, die Entwicklungen überwachen und Risiken einschätzen. Eine unabhängige Kommission könnte einen Rahmen bilden, gleichzeitig müssten Schutzmechanismen für Menschen geschaffen werden, die sich bewusst gegen genetische Optimierung entscheiden.

Genanalysen wird ein massiver Fortschritt vorausgesagt. Wenn sie in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Fahrt aufnehmen, sollten wir bereits Antworten auf diese Fragen haben. Je früher wir klare ethische Leitlinien und gesellschaftliche Diskussionen dazu etablieren, desto eher können wir alle diesen Fortschritt verantwortungsvoll gestalten, bevor er zu einem sozialen und moralischen Risiko wird.

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