© Erzdiözese Wien

Gastkommentar
11/26/2020

Dürfen statt müssen

Durchatmen und Einsehen: Was die christliche Lehre uns in den Nöten der Pandemie mitgibt, kann tröstlich sein

Christsein ist out. Das hat meistens mit dem Bodenpersonal zu tun, zu dem ich gehöre, oder der unbequemen Kirche.

Trotzdem bin ich Christ. Gerade jetzt, in dieser Zeit der Pandemie.

Warum? Weil mir ein paar Dinge immer klarer werden. Es geht nicht ums Können, Wissen oder Tun. Es geht auch nicht darum, brav oder fromm zu sein.

Tiefergehend

Es geht um etwas viel Tieferliegendes, etwas das jeder tun kann, ob religiös oder nicht: Vertrauen.

Mehr als ein halbes Leben habe ich gebraucht, um das zu begreifen: Ich muss nicht – ich darf.

Ich muss zum Beispiel nicht reich werden. Schluss mit der Selbstoptimierung! Das Gute einer Persönlichkeit beruht nicht auf Leistungen.

Wir werden nicht mehr geliebt, wenn die Geldbörse dick und der Körper gestählt ist. Klar verdienen wir unser Geld und ja, wir gehen auch sporteln, weil es uns guttut.

Aber der wahre Reichtum sind ein Herz und ein offenes Ohr für andere.

Stärke ist relativ

Genauso wenig muss ich stark sein. Wenn Gefüge ins Wanken geraten, überspielen wir die Unsicherheiten gern mit offensiver Stärke. Doch eigentlich werden wir gerade in der Schwachheit als Mensch erkennbar.

In der Schwäche, nicht in der Stärke begegnen Menschen einander auf Augenhöhe, sodass Neues und Großes entstehen kann.

Und ich muss auch nicht immer recht haben. Es gibt gerade jetzt so viele Leute, die alles besser wissen.

Kritisch? Ja, aber

Ja, man soll kritisch denken, eine eigene Meinung haben, und sie auch äußern dürfen.

Aber man muss nicht alles besser wissen, darf auch selbst Kritik aushalten, andere Meinungen zulassen.

Und wenn man falsch liegt, sogar um Verzeihung bitten. Manchmal darf ich auch schweigen. Insta und Facebook bleiben unbeachtet, ich habe eh nicht immer etwas zu sagen.

Dann darf ich einfach nur spazieren gehen und den Wind spüren. Ich darf aufmerksam zuhören und mitfühlen, da sein und aushalten, ohne meinen Senf dazuzugeben.

Danke!

Ich darf die Dankbarkeit neu entdecken. Für mich in der Früh das erste und am Abend das letzte Wort: Danke.

Nichts ist selbstverständlich, alles ist geschenkt, gegönnt, anvertraut.

Perspektivenwechsel statt Unzufriedenheit. Und: Ich darf vertrauen.

Wenn es keinen Plan gibt, für mich, für uns, für diese Welt, dann ist jeder ganz allein verantwortlich.

Oder ich vertraue: Gott hat einen Plan für mich. Und auch wenn er mich durch Höhen und Tiefen führt, so gibt es immer wieder Lichter auf dem Weg, die mich aufrichten und weitergehen lassen.

Gerade jetzt, in diesem Jahr, das so anders verlaufen ist als erwartet, werde ich daran erinnert, worum es geht.

Um mein Ja. Zum Leben. Zum Vertrauen.

Zu genau dieser Situation. Und dann finde ich auch das Licht.

Wolfgang Kimmel ist katholischer Priester in der Erzdiözese Wien.

 

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