Meinung
20.06.2018

Die neue Gretchenfrage

Wie halten es Christen mit der Demokratie und Demokraten mit dem Christentum? Ein Gastkommentar von Thomas Köhler.

„Im Zentrum“ einer aktuellen ORF-Diskussion betonte ein ehemaliger ungarischer Minister abermals „den“ genuinen Widerspruch von „ Christdemokratie“ zu „Liberalität“. Zwei der Anwesenden, ein österreichische Minister sowie ein aus Österreich stammender EU-Kommissar, nahmen dazu zwar nicht direkt, aber indirekt Stellung. Beide gehören über die ÖVP der größten EU-Fraktion an, der EVP, die sich ausdrücklich als „christdemokratisch“ bezeichnet!

Demokratie

Der eine, Gernot Blümel, Mitte dreißig, verwies auf die Herkunft der gerade für die EU in der gegenwärtigen Übergangs- wie in der historischen Gründungsphase relevanten Prinzipien aus katholischen Enzykliken: „Personalität“, „Solidarität“ und „Subsidiarität“. Der andere, Johannes Hahn, knapp 60, verbarg seine Skepsis und Kritik am ungarischen Gegenüber weder durch Mimik und Gestik, der primären Art zu kommunizieren, noch durch Nachfragen mündlicher Art, der sekundären.

In der Tat stand die neue Gretchenfrage der Politik im Zentrum der Aufmerksamkeit: Wie halten es Christen mit der Demokratie und Demokraten mit dem Christentum; welches Verhältnis haben Christdemokratie und Liberalität; wie werden die oben genannten Prinzipien der Freiheit und Verantwortung (Personalität), des Miteinander (Solidarität) und des Kleineren-vor-Größerem-wenn-dazu-willens-und-fähig (Subsidiarität) nicht nur gebetet, sondern auch gelebt?!

Die Antwort ist klarer als vermutet: Schon Hans Maier, ehemaliger Professor für die Geschichte politischer Ideen in München und bayerischer Kultusminister, wies im buchstäblich und übertragen ausgezeichneten Standardwerk „Revolution und Kirche“ wissenschaftlich nach, dass der – während der Französischen Revolution (!) erstmals als „démocratie chrétienne“ verwendete und hundert Jahre später in katholische Enzykliken wie „Rerum Novarum“ übertragene Begriff – nicht nur über konservative und soziale, sondern auch liberale Wurzeln verfügt.

Welche Ambivalenz ein solcher Stamm mit drei Wurzeln (die „christdemokratische Trinität“) bedeutet, bezeugen die entsprechenden Konflikte in der größten christdemokratischen Partei Europas, der CDU: am Beispiel der dem liberalen Lager zugerechneten und aus der DDR-Bürgerrechtsbewegeung stammenden Kanzlerin Angela Merkel, der der sozialen Richtung angehörenden Generalsekretärin Annegret Kramp Karrenbauer (mit Heiner Geißler als Vorbild) sowie dem im konservativen Flügel verorteten Jens Spahn (der Alfred Dregger nacheifert). Kramp und Spahn haben die besten Chancen auf Merkels Nachfolge.

Liberalität

Historisch gesehen am konservativsten in Europa waren und sind die spanischen Christdemokraten im währenden Schatten des Franquismus: Subsidiarität werten sie bis heute als Zentralismus; am sozialsten wirkte bis in 1970er Jahre die italienische Democristiana unter Aldo Moro, den linksextreme Terroristen umbrachten, weil er in radikalster Auslegung von Personalität einen Historischen Kompromiss zwischen Christdemokratie und Kommunismus einzuleiten beabsichtigte; und am liberalsten erscheinen eben die deutschen Christdemokraten unter Angela Merkel in deren Interpretation von Solidarität mit Flüchtlingen.

In der Tat auf die Spitze treibt die Frage indes jener Mann, der seine politische Karriere als Liberaler begann und als „Illiberaler“ beendet: Viktor Orban. Wenn er und seine Adepten meinen, dass Christdemokratie an sich nicht liberal sei, dann ist dies nicht nur historisch, sondern auch pro futuro falsch. Dennoch: Gerade als liberale Christdemokraten begegnen wir ihm mit der anderen Medaillenseite von Solidarität, Toleranz, und beantworten so die neue Gretchenfrage nicht nur für ihn, sondern auch für uns in all ihrer Spannung.

Thomas Köhler ist Herausgeber des biennalen „Jahrbuchs für politische Beratung“ (nächster Band im Herbst 2018).