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Meinung
07/19/2019

Die heile Welt im Austro-Biedermeier

Die Österreicher sind zufrieden wie selten zuvor. Beim Zusammenhalt gibt’s noch Luft nach oben.

von Christian Böhmer

Wer das Klischee strapazieren möchte, wonach das Raunzen, Meckern und Matschkern ganz typisch wienerische oder gar österreichische Wesenszüge seien, der gerät nun erheblich in Erklärungsnot. Denn laut der von der Universität Wien veröffentlichten Wertestudie EVS sagen zwei von drei Österreichern, sie seien „sehr zufrieden“ mit ihrem Leben.

Zwei Drittel Nichtraunzer-Quote? Das ist ein fabelhafter Wert – und noch dazu ein Rekord: Nie zuvor war die gemessene Zufriedenheit bei der EVS höher.

Also alles paletti in der Alpenrepublik?

Mitnichten. Denn so zufrieden die Österreicher in ihrer eigenen kleinen Lebenswelt auch sind: beim sozialen Zusammenhalt gibt’s, ganz unwissenschaftlich gesprochen, noch Luft nach oben.

Seit Jahrzehnten sei hierzulande eine Art „Neo-Biedermeier“ zu beobachten, die Österreicher schauen mehr auf sich, weniger auf die anderen, man zieht sich zurück, so heißt es an einer Stelle der Studie. Und an einer anderen warnen die Autoren gar davor, dass die Aggressivität der Wahlkämpfe dazu beiträgt, den sozialen Zusammenhalt zu gefährden.

Es war nie geplant, dass die Wertestudie mitten in einem Nationalratswahlkampf präsentiert wird. Aber vielleicht ist das eine wunderbare Fügung.

Vielleicht sollten die Wähler ihre Entscheidung diesmal auch danach treffen, ob und was Programm und Wahlkampf einer Partei dazu beitragen, das Gemeinsame zu fördern. Mehr Zusammenhalt könnte auf lange Sicht auch mehr Zufriedenheit bedeuten.

Schon klar, zwei Drittel ist ein stattlich hoher Wert. Aber wer sagt, dass da nichts mehr geht?