Amerika isst anders: Die umgedrehte Pyramide

US-Gesundheitsminister Kennedy spricht am Rednerpult neben einer Grafik mit Ernährungsempfehlungen für Amerikaner.
Amerikas Modell gesunder Ernährung heizt die Debatten unter Experten an. Dahinter könnte eine wirtschaftliche Agenda stecken.
Marlene Auer

Marlene Auer

Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ steht Kopf – jetzt auch bildlich. Die Ernährungspyramide wurde für die aktuelle Geltungsperiode bis 2030 von „einem Team aus Experten“ komplett umgedreht: Oben – und damit für häufigen Verzehr empfohlen – finden sich nun Steak, Käse, Milch, Fisch und (immerhin) Gemüse. Unten an der einsamen dünnen Spitze krümeln ein paar Getreidekörner, nebendran Brot und Reis. Amerika is(s)t jetzt anders, was bereits das Foto von US-Präsident Donald Trump und seinem Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. im Flugzeug zeigte. Vor ihnen: Berge von Pommes, Burger, Cola.

Protein-Hype

Das Skurrilste an der neuen Pyramide ist aber, dass sie just in einem der Länder mit den meisten übergewichtigen oder fettleibigen Erwachsenen ausgerufen wurde. Die Empfehlung einer erhöhten Proteinzufuhr, die durch Fleisch und andere tierische Produkte gedeckt werden soll, kann das Pendel in diese Richtung noch stärker ausschlagen lassen. Es stimmt zwar, dass Proteine sich nicht per se negativ auswirken und den Muskelaufbau beeinflussen – dafür aber braucht es regelmäßigen Sport. Man hätte also auch gleich ein Bewegungsprogramm empfehlen sollen. Ohne das wird diese Ernährung zum Bumerang. Denn wer nicht mehr Sport betreibt, isst damit auch deutlich mehr gesättigte Fettsäuren – und die heizen den Cholesterinspiegel an. Dass rotes Fleisch in hohen Mengen im Übrigen auch Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt, sei an dieser Stelle ebenso erwähnt.

Einfluss der Lobbys

Ganz durchdacht ist das neue amerikanische Modell also nicht, zumindest nicht aus gesundheitlicher Perspektive. Aus politischer und wirtschaftlicher Sicht macht es aber sehr wohl Sinn: Die Regierung könnte damit die Rindfleisch- und Milchindustrie stärken wollen, eine politische Agenda liegt Beobachtern zufolge nahe. Waren es früher die Getreidebauern, scheinen nun andere Lobbys erstarkt zu sein. Etwas Positives ist dem Ganzen dennoch abzugewinnen: Es wird empfohlen, öfter selbst zu kochen, mit „echten Lebensmitteln“ ohne Zusatzstoffe und industrielle Verarbeitung. „Real food“ nennt Kennedy das. Das ist doch mal „real good“.

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