© Eckharter Rainer

Gastkommentar
04/06/2020

Am 1. September und danach

Ioan Holender fragt sich, was kleinere Kulturbudgets mit den Bühnen des Landes machen – weniger Geld ist nicht nur schlechter

Gehen wir davon aus, dass 81 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkrieges, am 1. September 2020, der Covid-19 genannte Fluch, der über die gesamte Welt verbreitet ist, verbannt sein wird. Jeder hofft, dass nach der Ausrottung des tödlichen Virus alles weiter so sein wird, wie es davor war. Der rund sechsmonatige wirtschaftliche Ausfall für nahezu alle Arbeitstätigen wird für die meisten kompensationslos sein. Die Zahl der Arbeitslosen wird weiter steigen und ohne großer, bedeutender finanzieller Hilfe des Staates wäre ein wirtschaftlicher Bankrott unausweichlich.

Es ist daher angebracht zu überlegen, womit unser Staat seine neu entstandenen Schulden bezahlen wird, die nicht geplanten Ausgaben vom Staatsbudget zurückbekommt, um die unerwarteten, doch notwendigen Mehrausgaben auszugleichen. Dies kann natürlich nur durch eine neu geplante Umverteilung des Bisherigen geschehen. Einfacher ausgedrückt, man kann nur von dort etwas nehmen, wo es vorhanden ist.

Geld gewohnt

Welche Auswirkungen wird das für das Kulturbudget haben? Wir sind seit Jahren gewöhnt vor allem für das, was wir Hochkultur nennen, immer mehr Geldmittel – ob vom Budget oder von Sponsoren – zu erwarten und meist auch zu bekommen. Opernhäuser, Festspiele und alles, was sich dazu zählt, lukriert stets mehr Geld und gibt entsprechend auch immer mehr Geld aus.

Die Kosten für die Entstehung einer Opernproduktion – ob bei den Salzburger Festspielen oder bei der Wiener Staatsoper – ohne die Honorare für die Mitwirkenden gerechnet, belaufen sich auf mindestens eine Mio. Euro. Das teuer entstandene Produkt wird meistens nur kurzfristig fünf- bis sechsmal verwendet und dann entsorgt.

Man wünscht stets etwas Neues, nie Gesehenes, und es herrscht das Motto „umso teurer desto besser“. Es ist auch wichtiger geworden, was auf der Bühne steht, als wer dort steht. Die Konstruktion einer Bühnenbild genannten architektonischen Enormität am Bodensee , die vor allem optisches Staunen zu verursachen hat und bald entsorgt wird, kostet zweifache Millionenbeträge, und es wird immer mehr und immer teurer und allgemein kurzzeitiger verwendet. Es werden auch immer mehr Einnahmen gemacht, doch diese sollen nicht im Verhältnis zur Mehrinvestition steigen, denn man produziert ja für die Steuerzahler genannte Volksgemeinschaft. Die Eintrittskarten müssen leistbar bleiben, auch wenn sie von Jahr zu Jahr teurer werden.

Der Erfolgsparameter ist immer und überall nur die Auslastung. Damit rühmen sich Festspiel- und Opernhausleiter. Die Salzburger Festspielpräsidentin verkündet unermüdlich jedes Mal nach Festspielende, dass die Festspiele „ausverkaufter“ waren als im Jahr davor. Es müssen schon höchst skandalöse Budgetüberschreitungen wie vor Lurzem im Wiener Burgtheater entstehen, damit man budgetären Einhalt gebietet. Das alles wissen wir und es ist allgemein bekannt.

Doch zwei Fragen seien zur gegenwärtigen Situation erlaubt, erstens: Von wo soll der, das Steuergeld – sprich Budget – zu verteilende Staat das derzeit Fehlende nehmen, wenn nicht durch Kürzen von bisherigen Ausgaben? Und zweitens: Werden die „Besuchermassen“ die Kultureinrichtungen ab dem 1. September so stürmen wie vor der Corona-Krise? Nicht nur vieles, sondern alles wird danach anders sein. Doch alles anders heißt sicher nicht nur alles schlechter.