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01/12/2022

Enes Kara: Ein Suizid, der die Türkei erschüttert

In seinem Abschiedsvideo rechnet der Student vor allem mit dem religiösen Druck seiner Eltern und der "Gemeinde" ab.

von Naz Kücüktekin

"Ich habe keine Lebensfreunde mehr", sagt Enes Kara in seinem Video. Es ist das letzte vor seinem Tod. Es ist eine Verabschiedung, in der er über seine Unzufriedenheit und Verzweiflung redet. "Mein Name ist Enes Kara. Es ist der 5. Dezember, circa vier Uhr und das ist meine Suizid-Notiz", beginnt er.

Der 20-jährige Medizin-Student beschreibt darin, wie er aufgrund des Drucks seiner Familie genötigt wird, in einem religiösen Studentenheim zu leben. Um 6.30 Uhr für das erste Gebet aufstehen. Dann essen. Anschließend auf die Universität gehen. Um fünf Uhr Abendessen. Anschließend wieder beten. Danach eine Stunde religiöse Schriften und Bücher lesen. Wieder beten. Um elf Uhr schlafen gehen.

So schlidert Enes Kara in dem Video seinen Alltag in dem Studentenheim. "Mir bleiben vielleicht drei bis vier Stunden Zeit am Tag für mich. Ich bin unglücklich. Ich möchte das nicht machen. Ich bin Atheist", sagt er. Mit seinen Eltern könne er darüber nicht reden. Er hätte Angst, wie sie reagieren würden. Er hätte Angst vor der Zukunft. Er habe keine Hoffnung mehr. So möchte er nicht leben.

Am 10. Jänner begeht Enes Kara Suizid. Er springt vom siebenten Stockwerk des Studentenheims. Der tragische Fall stürzt die Türkei nicht nur in tiefe Trauer, sondern wirft auch ein Licht auf die meist sektenhaften, islamischen Schüler- und Studentenheime.

Das Originalvideo ist um die zehn Minuten lang. In dem zweiminütigen Ausschnitt hier sagt Enes Kara folgendes:

Ich wohne derzeit in einem Wohnheim der „Gemeinde“ (cemaat), obwohl ich das gar nicht will. Das habe ich mehrfach gesagt, als klar war, dass ich hier studieren werde. Aber ich wurde gezwungen. Als ich mit einem Heimmitarbeiter darüber geredet habe, meinte er, ich soll das meinem Vater sagen. Die Antwort meines Vaters war: Halte dich an die Regeln. Bete. Lies die Bücher dort. In so einer Situation bin ich gerade. Ich möchte einen Tag von mir beschreiben. Ich stehe gegen 6:30 für das Morgengebet auf. Dann gehe ich zur Universität. Bis circa fünf bin ich dort. Da gibt es dann auch schon das Abendessen. Danach ist das Abendgebet. Anschließend müssen wir eine Stunde die Bücher und Schriften hier lesen. Danach gibt es wieder ein Gebet. Nach all dem ist es dann schon 20 Uhr. Das psychisch sehr anstrengend. Ich bin ohnehin fast den ganzen Tag auf der Uni und dann muss ich solche Sachen, die ich gar nicht machen will. Um elf gehe ich schon schlafen, da ich sonst zu müde bin. Man hat kein Gefühl der Freiheit. Das hält man ab einem gewissen Punkt nicht mehr aus. Montags gibt es zusätzlich „Gemeindestunden“ (cemaat dersi). Am Wochenende geht es so weiter. Stunden. Lesen. Putzen. Mir bleiben vielleicht drei Stunden am Tag für mich. Vielleicht vier. Schwer zu sagen. Ich habe um ehrlich zu sein all meine Lebensfreude verloren. Ich traue mich nicht, das meinen Eltern zu sagen. Ich weiß nicht, wie sie reagieren könnten. Sie haben das Potenzial alles zu machen.

Rund 30 aktive "Gemeinden"

Diese werden von religiösen Gemeinden (cemaat) betrieben. Davon gibt um die 30 in der Türkei. In den letzten Jahren gab es immer wieder Skandale, um die von ihnen betriebenen Heime. 2016 erschütterte beispielsweise das Aufdecken des Kindermissbrauchs in den Ensar Vereinen die Türkei.  Erst vor wenigen Wochen wurde der 18-jährige Mehmet Sami Tuğrul vom Koch des illegal betriebenen Heims in Antalya ermordet.

Enes Kara wohnte laut Medienberichten in einem Studentenheim der Risale-i Nur-Bewegung. In einem Interview gab sein Vater bekannt, dass er seit 28 Jahren in der Gemeinde sei. "Er wohnte nicht im Wohnheim, sondern mit vier Freunde im selben Haus. Da wir wollten, dass sich unser Kind spirituell entwickelt, sollte er dort wohnen. Er hatte keine Beschwerden und sagte, es gehe ihm gut, wenn wir uns trafen", sagte Mehmet Kara im Interview mit dem türkischen Ableger der BBC. Dieser betont zudem, dass der Grund für den Suizid seines Sohnes nicht die aufgezwungene religiöse Lebensweise, sondern die Unzufriedenheit mit seinem Studium war.

Forderung nach Schließung

Der Aufschrei gegen die "Cemaat"-Heime ist nun groß. Auf sozialen Medien fordern viele unter dem Hashtag #CemaatYurtlarıKapatılsın die Schließung der Heime. „Vergessen wir nicht, dass unsere Hauptaufgabe darin besteht, unsere Kinder zu beschützen und zu bewachen. Es dient nicht dazu, bigotter Mentalitäten zu dienen“, schrieb unter anderem Tarkan, einer der populärsten türkischen Sänger.

Helin Çakır vom Studentenbund argumentierte, dass die Mieten nach der Pandemie exorbitant gestiegen seien und viele einkommensschwache Studenten, die keinen Platz in staatlichen Wohnheimen fanden, in Gemeinschaftsheime gezwungen würden.

Reaktion aus Istanbul

Der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu veröffentlichte nach dem Vorfall ein Statement, wonach die städtischen Studentenheime erstmals uneingeschränkt für alle Studenten zur Verfügung stehen sollen. „Sie haben unsere Kinder jahrelang in einige Stiftungen, Vereine und Wohnheime gebracht. Deshalb haben wir zum ersten Mal in der Geschichte unsere Studentenwohnheime für alle geöffnet. Der Verlust von Enes Kara tut mir sehr leid. Wir werden unsere Jugend mehr unterstützen, kein junger Mensch soll sich allein und hilflos fühlen“, hieß es darin.

Der Fall von Enes Kara soll auch im türkischen Parlament thematisiert werden. Anwälte der Partei HKP haben unter anderem gegen Innenminister Süleyman Soylu sowie den Verantwortlichen des Heimes eine Strafanzeige gemacht. Die Vorwürfe lauten Amtsmissbrauch, Nötigung zum Suizid sowie Verstoß gegen Artikel 2 und 24 des Grundgesetzes.

HINWEIS:

Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich.

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