Eine Woche in einem der besten Kurhotels der Welt – ein Selbstversuch
Tägliche Routine und Teil der medizinischen Behandlung durch Dr. Eva-Maria Fischer: die Bauchmassage.
Vier Tage hat es gebraucht, dann ist es endlich so weit. Ich stehe im Zimmer meines ersten Gesundheitshotels überhaupt, gurgle mit einem Teelöffel Leinöl und plötzlich ist es da, das Gefühl, von dem alle hier immer sprechen. Dieses ganz im Hier und Jetzt sein. Kein Stress, keine Termine – Moorpackungen, Leberwickel und Elektrolyse-Fußbad jetzt mal ausgenommen.
Nein, einfach mal entspannt Leinölgurgeln. Entgiftet, sagen sie mir. Aber eigentlich viel wichtiger, jedenfalls für mich: Einfach mal ganz auf seine Sache konzentrieren entspannt ungemein. Oder, so hat es mir die hauseigene Psychologin Tanja Kieslinger erklärt, Parasympathikus und Sympathikus in Einklang kommen lassen. Das mit dem Sympathikus wäre, wenn es nicht so technisch wäre, wohl die beste Zusammenfassung meines Aufenthalts in Maria Wörth. Konzentration auf das Wesentliche, bei sich sein.
Dass ich letztlich hier gelandet bin und mir eine Woche Gesundheitsurlaub gönne, ist das Ergebnis einer längeren Reise. Sie hat schon zum Jahreswechsel 2024 begonnen. Und sie wird mir hier noch einmal in ungute Erinnerung gerufen.
„Wie geht es Ihnen eigentlich?“, hat mich Psychologin Kieslinger gleich zu Beginn unseres Gesprächs gefragt. Und nicht nur, weil sie mir dabei tief in die Augen geblickt hat, habe ich mir für die Antwort etwas mehr Zeit gelassen, als ich das üblicherweise tun würde. Sie fiel im Sommer so aus wie schon zum Jahreswechsel: Eigentlich nicht gut. Nein, mir geht’s nicht super.
Zwei Kirchen, ein Kurhotel: Die Halbinsel Maria Wörth am Südufer des Sees ist ein Kraftort abseits des Trubels.
Mein Vierziger-Blues
Was mit Mitte dreißig noch kein Problem war, scheint jetzt, da ich steil auf meinen Vierziger zusteuere, einfach nicht mehr machbar. Stress in der Arbeit, das schnelle Leberkäs-Semmerl, dazwischen immer der Blick aufs Smartphone, selbst wenn ich einmal mehr Zeit für mich hätte. Natürlich bin ich dick geworden, schlafe schlecht, bin schnell erschöpft. Das wird langsam einfach zu viel. Burn-out hat schon viele meiner Kollegen erwischt. Das Thema beschäftigt mich. Wenn ich nicht der Nächste sein will, muss ich etwas unternehmen, denke ich mir Anfang des Jahres.
Sechs Monate später sitze ich also im weltbesten Kurhotel überhaupt – besagt jedenfalls ein Award aus dem Jahr 2025 für das Vivamayr in Maria Wörth. Nirgendwo sonst soll Erholung so gut gelingen, das verspricht schon die illustre Gästeliste: Naomi Campbell steigt hier regelmäßig ab, Liz Hurley auch. Die Gäste sind international, eine Co-Kur-Gästin ist sogar extra aus Australien angereist. „So etwas gibt es bei uns einfach nicht“, sagt sie mir.
Eva-Maria Fischer, die mich die ganze Woche hindurch als meine Ärztin begleitet und für mich das medizinische Programm zusammenstellt, spricht von einem „ganzheitlichen Ansatz“, den man hier verfolge. Körper, Geist, Seele, Sie verstehen. Das mag ein bisschen wie Alpen-Ayurveda klingen – aber das würde der Sache nicht gerecht werden. Das ist kein Wellness-Aufenthalt.
Natürlich gibt’s wunderschöne Sauna-Landschaften, Moorpackungen und so, aber hier passiert das alles in eng getakteter Vollbetreuung eines Ärzteteams, dazu kommen Osteopathen, Psychologen, Sportmediziner, Diätköche. Sogar die Kellnerinnen würden überall sonst als Diätberaterinnen durchgehen.
Auf fünfundvierzig Zimmer kommen neunzig Mitarbeiter. Ein Betreuungsverhältnis, das jeden Landarzt vor Neid den Kassenvertrag an den Nagel hängen lässt.
Also ja, es geht um Erholung. Aber bei so einem Kuraufenthalt wird eben auch der Harn analysiert, ein Blutbild gemacht, Unverträglichkeiten werden ausgetestet. Das Gesamtpaket eben. Und so habe ich täglich mindestens fünf Termine. Sportwissenschaftler Gabriel Wernig scheucht mich aufs Unterwasser-Rad in den Indoor-Pool, in der Kryokammer friere ich halb nackt bei minus 110 Grad. Regeneration mit Profi-Geräten, sogar die Fußballer der Austria Klagenfurt kommen nach ihren Spielen beim Vivamayr vorbei, um sich einmal schockfrosten zu lassen. Mein Highlight aber: Beim Reformer-Pilates spüre ich Muskeln, von denen ich vergessen hatte, sie überhaupt zu haben. Und natürlich Ernährungsberatung: Ich bekomme einen eigenen Plan – und Tipps, wie ich mich auch außerhalb meiner Fastenkur, die mir hier aufgebrummt wird, besser ernähren kann (Spoiler: Basische Ernährung wäre kein Fehler, Gemüse, Gemüse, Gemüse).
Bei minus 110 Grad in der „Kryokammer“ Zellen erneuern? Mit Handschuhen kein Problem – aber maximal für drei Minuten. in
Semmeldiät war einmal
Denn darum geht’s hier vor allem. Die Vivamayr-Ärzte setzen beim Darm an. Daher kommt ja auch der Name. Das Konzept basiert auf den Lehren von Franz Xaver Mayer, ein österreichischer Arzt, der schon Mitte des 20. Jahrhunderts, noch bevor wir alle „Darm mit Charme“ gelesen haben, die Heilungskräfte des Verdauungstrakts beschwor. Die berühmte Semmeldiät ist manchen wohl ein Begriff. Drei Wochen lang sollte man sich damals nur von Semmeln und Milch ernähren, um den Darm wieder auf null zu stellen. Von der Semmeldiät hat man sich in Maria Wörth verabschiedet, aber die Prinzipien sind gleich geblieben: Möglichst eintönige Ernährung soll dem Darm beim Verdauen helfen. Und, ebenso wichtig: kauen. Das Essen soll richtig eingespeichelt werden, sechzig Mal jeder Bissen gekaut werden, dann muss der Darm nicht nachholen, was der Mund schon erledigt hat.
Also finde ich mich auf der Terrasse des Vivamayr wieder, „Kautrainer“, wie sie die dicht gebackenen Brötchen hier nennen, in der Hand, Blick auf den Wörthersee gerichtet, und kaue. Kautrainer mit Avocado-Aufstrich, Kautrainer mit Mandel-Aufstrich, Kautrainer mit Leinöl. Und, auch das lerne ich: Kautrainer ohne Handy. Auch beim Essen heißt’s im Vivamayr, sich ganz auf sich zu konzentrieren. Nicht einmal Tageszeitungen sind gern gesehen am Esstisch. Eine Qual für jeden Journalisten. Aber ich will mich auf diese Reise einlassen – sie dauert ja auch nur eine Woche, sage ich mir immer wieder vor, während ich mich an meinem Kautrainer abarbeite.
Eine neue Erfahrung für den geplagten Redakteur: Reformer-Pilates (für Anfänger) unter professioneller Anleitung.
Das ist jetzt sechs Monate her. „Wie geht’s dir eigentlich?“, habe ich mich auch dieses Silvester wieder gefragt, diesmal (Gott sei Dank) ohne Leinöl im Mund. Auch wenn ich mir das sechzig Mal Kauen pro Bissen schnell wieder abgewöhnt habe (versuchen Sie das mal mit Erdäpfelpüree), ein paar Dinge sind doch geblieben: Ich versuche, mir Zeit zu nehmen. Essen ist keine Nebentätigkeit mehr zwischen zwei Terminen, Essen ist – im besten Fall – Erholung. Und man soll ja auch nicht gar so streng mit sich selbst sein. „Nimm dir drei Dinge vor. Eine Sache wirst du vergessen, eine nicht ganz durchziehen – aber wenn du nur eine Sache in deinen Alltag integrieren kannst, hast du schon gewonnen“, hat mir Sportwissenschaftler Wernig gesagt, während ich mich auf dem Unterwasser-Rad abgestrampelt habe.
Wie geht’s mir also? Ich darf Sie beruhigen. Mir geht’s sehr gut. Sicher auch dank einer Woche, in der ich mich eben einmal ganz und gar nur um mich gekümmert habe. Kryokammer hin, Moorpackung her – sich mit sich und seinem Körper zu beschäftigen, braucht Zeit. Im Alltag, und manchmal eben auch im Kurhotel am kitschig schönen Wörthersee.
Anfahrt
Über Klagenfurt auch mit dem Schiff, mit der neuen Koralmbahn aus Wien in vier Stunden mit dem Zug. oebb.at
Preise
Ab 262 Euro pro Person und Tag im Doppelzimmer und je nach medizinischem Programm Kosten ab ca. 3.200 Euro pro Woche. Aufenthalt nicht ohne Kur-Programm buchbar. Infos unter vivamayr.com
F.X.-Mayr-Kur
Vivamayr-Ärzte empfehlen, die eintönige Ernährung drei Wochen durchzuhalten, dazu Nahrungsergänzungsmittel. Danach langsam wieder aufbauen mit
basischer Ernährung.
Weitere Infos unter: www.vivamayr.com
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