Guadeloupe: Im Dienste des Ozeans

Ein Delfin springt aus dem blauen Wasser.
Zahlreiche Walfamilien und Delfinschulen tummeln sich in den Gewässern um die Karibik-Inseln. Mittendrin hat Familie Rinaldi das Ziel, sie zu beschützen.

Bereit für ein Abenteuer?, will Caroline Rinaldi um acht Uhr Früh von ihren Gästen wissen. Ein paar Müde gähnen, da bricht die Sonne durch den wolkenbedeckten Himmel. Die Forscherin versichert: „Spätestens, wenn wir den ersten Meeresbewohner gesichtet haben, sind alle wach.“ Ihr Sohn Manolo startet den Motor des Expeditionsbootes Enzo Lola und steuert auf das offene Meer hinaus. Der 30-Jährige lebt schon immer auf Guadeloupe und kennt die Gewässer hier sehr genau. Trotzdem schweift sein Blick konzentriert über die Wasseroberfläche, um ja kein Anzeichen für tierische Unterwasseraktivität zu verpassen.

Ein Taucher erkundet ein farbenfrohes Korallenriff im tiefblauen Meer.

Réserve Cousteau bietet tolle Tauchplätze.

Im warmen Meer um Guadeloupe leben saisonal bis zu vierundzwanzig Walarten – unter anderem Buckelwale, Große Tümmler, Schlankdelfine und Ostpazifische Delfine. „Alle Zahnwalarten haben hier ihren ständigen Wohnsitz – so auch einige Pottwal-Familien“, erklärt Caroline. Bartenwale hingegen sind Wandertiere und kommen nur zur Paarung und Aufzucht ihrer Jungen in die wärmeren Gewässer der Karibik. „Daher sehen wir Buckelwale hier nur von Dezember bis Mai.“

Zwei Männer ziehen eine Bojenkette durch das flache Wasser an einem Strand.

Am Strand von Saint-Anne auf Grand-Terre kommen Urlauber und  Fischer auf ihre Kosten.

Auf der Suche nach authentischem Leben und einem unangetasteten Ökosystem zog es Caroline und ihren Mann Renato 1985 auf die Insel. Gemeinsam haben sie sich dem Arterhalt der Meereslebewesen verschrieben und 1992 den Verein Association Évasion Tropicale (AET) gegründet. Seitdem sind die beiden meist auf dem Meer unterwegs, um Daten über Wale und Meeresschildkröten zu erheben. „Wir zählen und fotografieren sie, erfassen ihre Merkmale und ihr Verhalten.“ Eine mühselige Arbeit, die erst nach Jahrzehnten Früchte trägt. Mittlerweile kann man dank der Daten aber sehen, wie sich die Populationen über die Jahre entwickelt haben. „Vor fünfundzwanzig Jahren sind wir nur sehr selten einer Meeresschildkröte begegnet. Mittlerweile haben wir fünf verschiedene Arten gesichtet.“ Seit ein paar Jahren steige der Bestand der „Suppenschildkröte“ (eigentlich „Grüne Meeresschildkröte“) wieder. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Einschränkung des Fischfangs 1991 bitter nötig war. Viel zu oft wurden ihnen die großen Schleppnetze und Motoren der Fischerboote zum Verhängnis.

Eine Karte der Karibik mit Hervorhebung von Guadeloupe, einer französischen Inselgruppe.

Richtung Klicklaut

Manolo lässt das Hydrophon ins Wasser sinken. Mit dem Unterwassermikrofon lassen sich die Rufe und Klicklaute der Meeressäuger unter der Wasseroberfläche aufnehmen und identifizieren. So kann es vorkommen, dass Manolo öfters den Kurs wechseln muss. „Ein Außenstehender denkt, dass ich wahllos im Zickzack herumfahre, dabei hat alles seinen Grund“, sagt der Bootskapitän schmunzelnd und steuert erneut in eine entgegengesetzte Richtung.

Nach einer Stunde hat das Warten und Zickzackfahren ein Ende, die ersten Schlankdelfine tauchen neben dem Boot auf. Nach und nach werden sie mehr. „Sie lieben es, in den Bugwellen von Booten zu schwimmen und werden uns sicher eine Zeit lang begleiten“, beruhigt Caroline ihre Gäste, die an der Reling des schaukelnden Bootes aufgeregt Fotos schießen. Gleichzeitig macht sie sich Notizen für ihre Studien. „Das hier ist Sam, an der markanten Kerbe in seiner Finne zu erkennen“, präzisiert die Meeresexpertin. Weitere Erkennungszeichen seien Farbe und Pigmentierung der Haut – so einzigartig wie der menschliche Fingerabdruck.

Zwei Delfine schwimmen im tiefblauen Meer.

Während die Delfine akrobatisch neben dem Boot herumspringen, fotografiert eine AET-Mitarbeiterin jedes Exemplar. „Fotoidentifikation ist eine wichtige Forschungsmethode, da so Einzeltiere wiedererkannt werden können“, erklärt sie. Kleine, noch so unscheinbare Merkmale wie Kerben, Kratzer und Flecken helfen, sie zu unterscheiden. „Auf diese Weise können wir Bewegungsprofile erstellen, Populationsgrößen ermitteln und ihr Sozialverhalten untersuchen“, fügt Caroline hinzu. Jede Sichtung sei wichtig, denn je umfangreicher die Daten, desto aussagekräftiger die Ergebnisse. Die Weitergabe dieses Wissens ist den Rinaldis wichtig: „Da man nicht verhindern kann, dass jeder noch so kleine Fleck Erde touristisch erschlossen wird, müssen wir Touristen nahelegen, der Natur respektvoll zu begegnen.“ Also präsentieren die Rinaldis ihre Forschung auch in einem kleinen Museum.

Sanfter Waltourismus

„Wir müssen das Interesse der Besucher nutzen, um sie für die Zerbrechlichkeit der Ökosysteme und das menschengemachte Artensterben zu sensibilisieren.“ Walbeobachtungsfahrten eignen sich dafür, weil lehrreiche Infos mit einem unvergesslichen Erlebnis verbunden werden.

„Den Waltourismus wollen wir damit aber nicht fördern“, beteuert Caroline. Boote, die täglich Massen an Touristen zur Walbeobachtung aufs offene Meer schiffen, brauche Guadeloupe bestimmt nicht. Dafür sei der Schutz des Meeres zu wichtig. Dementsprechend sollte sich die Branche ausrichten: Ökotourismus im Einklang mit der Natur.

Davon sei Guadeloupe allerdings noch weit entfernt – angefangen bei kleinen Dingen wie leeren Sonnencremetuben oder Einweggeschirr aus Kunststoff, das von den Essensverkäufern am Strand verwendet wird und häufig im Meer landet. „Dass wir uns damit unseren eigenen Lebensraum nehmen, begreifen leider die wenigsten“, fügt Caroline hinzu. Doch genau das will sie ändern.

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