Leben | Kiku
19.12.2017

Zuhören, miteinander reden und schreiben

Lange Schlangen am Ende, um Autogramme zu kriegen - auf einer Karte oder in mitgebrachten Welsh-Büchern © Bild: Heinz Wagner

Die renommierte (Kinder- und Jugendbuch-)Autorin Renate Welsh-Rabady wird am 22. Dezember 80 Jahre jung.

Wie viele Bücher sie genau geschrieben hat, weiß sie nicht. „Ich glaube so um die 80“ und diese Antwort ist nicht kokett. Und obwohl Schreiben seit Jahrzehnten ihr Beruf ist, strahlt jedes ihrer Bücher auch die Berufung aus, mitzuhelfen, Leserinnen und Leser mutiger, die Welt ein Stück besser zu machen.

Vier Säulen

Schreibwerkstatt von Renate Welsh-Rabady in der Integrativen Lern-Werkstatt Brigittenau © Bild: Heinz Wagner

Und dennoch ist Schreiben „nur“ eine von vier Säulen ihres Schaffens. Die erste ist gut zuhören zu können was wesentlich dazu beiträgt, dass sich die Autorin in viele ihrer Figuren hineinversetzen kann, die aus ganz anderen Schichten stammen als sie selbst, die in einer Bildungsbürgerfamilie aufgewachsen ist. Zweitens redet sie gern mit Menschen und geht im Gespräch auf sie ein. So werden insbesondere Lesungen bei Kindern zu intensivem Miteinander-Reden auf Augenhöhe. Drittens sind ihr Schreibwerkstätten – ob mit Kindern, Bergbäuerinnen oder Obdachlosen genauso wichtig wie die Arbeit an ihren eigenen Werken.

Die tiefgreifende Begründung für ihr Engagement in Schreibwerkstätten formuliert sie selbst am Treffendsten in der Eröffnungsrede für einen internationalen Psychologie-Kongress, wo sie unter dem Titel „Der Phantasie ein Fenster öffnen“ u.a. sagte: „...“war ich immer davon überzeugt, dass Sprachlosigkeit die gemeinsam Wurzel vieler Übel ist, die mir Angst machen... Wer sich selbst nicht achtet, kann anderen kaum auf Augenhöhe begegnen, er braucht jemanden, den er verachtet, aber ebenso dringen jemanden, dem er aus welchen Gründen auch immer Gefolgschaft leisten kann...“

Neugier

Und bei der Begegnung mit Kindern erfreut sich Renate Welsh-Rabady vor allem an deren Neugier, der Lust zu fragen und in den Werkstätten deren Fantasie – wenn sie noch nicht zerstört wurde. Denn hin und wieder muss sie erleben, „dass Kinder mich mit sooo großen Augen anschauen und ganz ungläubig feststellen: Das interessiert sie ja wirklich, was wir denken!“

Partei ergreifen, aber nie plakativ

Renate Welsh-Rabady bei ihrer Lesung, vor allem aber dem Gespräch mit den Kindern © Bild: Heinz Wagner

Partei ergreifen für Außenseiter_innen, Ausgegrenzten Mut machen, Vorurteile zumindest in Frage stellen – Themen ihrer Bücher baut die Autorin in glaubhafte Geschichten samt dazugehöriger Charaktere ein, klar und virtuos geschrieben und nie vordergründig oder plakativ. Geschichten erzählen und schreiben zu können, hat ihr als sehr junges Mädchen in der Volksschule zunächst einmal sozusagen das (Über-)leben ermöglicht. Sie sei ein kleines, aber neugieriges, aufgewecktes und schlaues Kind gewesen, aber eher so „ein aufg‘stellter Hühnerdreck“. In der Schule hätten ein paar deutlich größere und stärkere Buben sie immer wieder verdroschen. Bis, ja bis eines Tages der größte und stärkste von denen der kleinen Renate einen Deal angeboten hätte: Sie schreibe für ihn die Hausübungen und müsse ihm obendrein auf dem Heimweg Geschichten erzählen und die dann aufschreiben – und dafür würde er dafür sorgen, dass Renate von allen in Ruhe gelassen würde. Dieser Junge brüstete sich dann mit den geschriebenen Geschichten – „was ich schon ungerecht empfunden habe, aber dafür musste ich keine Angst mehr haben.“

In Geschichten stolpern

Die Titelseiten der Vamperl-Bücher © Bild: dtv, Montage: Heinz Wagner

In ihre Geschichten „stolpere ich oft“, vertraut sie dem Kinder-KURIER an. Der „Renner“ unter ihren Kinderbüchern sind die vom „Vamperl“. Dieser kleine Vampir saugt Gift aus der Galle. In einem Verkehrsstau habe sie diese verärgerten, oft eben richtig giftigen Menschen erlebt und sich „gedacht, da müsste man was erfinden, das dieses Gift aus den Menschen saugt“. So kam’s zu diesem kleinen Vampir. Eine 2-Seiten-Fassung habe sie ihrem Vater, mit dem sie oft heftig darüber streiten konnte, ob eher die Gene oder mehr das Umfeld für unser Verhalten verantwortlich wäre, zu dessen 80. Geburtstag geschenkt. „Du bist mit deinen 40 Jahren noch ein genauso frecher Fratz wie als Kind“, quittierte der die Story. Aus der 2-Seiten-Version schreib die Autorin später ein Hörspiel fürs Radio und auf Anraten eines Redakteurs im Rundfunk ein ganzes Buch – und in der Folge Fortsetzungen. Mindestens die 42. Auflage ist mittlerweile vom „Vamperl“ erschienen.

Neben dem „Stolpern“ gibt es auch Bücher, die auf Anregungen von Kindern zurückgehen – „Drachenflügel“ oder „Schneckenhäuser“.

Alte Briefe statt Ring

© Bild: dtv/Montage: Heinz Wagner

Ihr erstes Buch, das sie für Erwachsene geschrieben hat (das aber erst später veröffentlicht wurde) ist „Lufthaus“. In das stolpert sie über die Frage ihres Vaters, ob sie als Geschenk lieber einen Ring oder eine Schachtel alter Briefe hätte. Na was wohl?

Die Briefe stammten von einem Vorfahren der Familie, von Maximilian Joseph Gritzner und der war bei den Aufständen von 1848 führend beteiligt. Briefe und Zettelchen waren der Anfang, intensive Recherchen erfolgten, „doch dann war er mir in seiner Selbsteinschätzung zu selbstgefällig und darum habe ich die von seinem Sohn entführte Frau, also seine Schwiegertochter Pauline zur Hauptfigur des Romans gemacht“. Die Lektorin des Verlags fragte die Autorin allerdings, ob sie sich nicht vorstellen könnte, über Constanze Mozart zu schreiben, wo sie sich doch so gut im 19. Jahrhundert auskenne. Die wäre doch eher fad, meinte Welsh. Wie wäre das mit Vorurteilen und ihrer Haltung, solche in Frage zu stellen, wollte die Lektorin wissen. Das war Anreiz genug für Welsh, sich in die Geschichte der Ehefrau des berühmten Komponisten zu vertiefen – „ihre Entwicklung vom jungen Ganserl zur gestandenen Frau hat mich dann doch interessiert“.

Was sie sich zum Geburtstag wünsche?
Einen Spiegel, in dem sich groß und allmächtig gebende Männer, die oft nur von Speichelleckern und Kriechern umgeben sind und keine Kritik an sich heranlassen, sehen wie sie im Grunde genommen wirklich sind, oft lächerlich.“ Ein Spiegel, der sozusagen die Rolle des Kindes übernimmt, das in "Des Kaisers neue Kleider" sagt: Der Kaiser ist ja nackt!“

Informativer Band über das Werk der vielfach ausgezeichneten Autorin

Das informative Büchlein über das Werk von Renate Welsh-Rabady © Bild: Heinz Wagner

In der Schriftenreihe der österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteratur ist ein vor Kurzem erschienenes Sonderheft der Jubilarin gewidmet. Der Band bietet einen kompakten Überblick über das Werk von Renate Welsh-Rabady, beleuchtet es von verschiedenen Seiten – vor allem aus sprachlicher Sicht (Germanistisches) und analysiert die feinsinnige, differenzierte Psychologie der Figuren in ihren Büchern (Psychoanalytisches). In einem weiteren Teil – Festliches – kommt auch die Autorin selbst zu Wort, indem zwei ihrer tiefgründigen, umfassenden Reden abgedruckt werden.

Infos

Ernst Seibert; Sabine Schlüter (Herausgeber_innen)
„… worüber man nicht sprechen kann, kann man schreiben …“. Renate Welsh 80
libri liberorum Sonderheft 2017
Kinder-/Jugendliteraturforschung Zeitschrift
Verlag Praesens, 122 Seiten; 12,50 €