© Heinz Wagner

Interkulturelles Wohnen
03/30/2014

Zombie- und Sternderl-Gesichter

Spielen, tanzen und internationales Essen bei Fest im Nachbarschaftszentrum "friends" im Nordbahnhofviertel.

von Heinz Wagner

Mercede, eine der Betreuerinnen beim Kinderfest, ist ein wenig irritiert als Isadora ihren Schminkwunsch äußert: „Mal mir bitte was Horrormäßiges, eine Narbe!“ Isadoras Augen beginnen noch mehr zu leuchten als sie ihre Vorliebe für Horror- und Gruselgeschichten in Büchern und in Filmen schildert. Dafür darf Mercede, die schon einige Kinderbücher illustriert hat, Aliny und ihrem Bruder Isaac Sterne in die Gesichter malen.

Die Schminkstation ist einer der Programmpunkte beim Kinderfest im Nachbarschaftszentrum „friends“ in einem der Bauteile des neuen Nordbahnhof-Viertels. Im Projekt „Interkulturelles Wohnen“ setzte der Bauträger bereits von Anfang an stark darauf, dass sich gute Nachbarschaft entwickelt (siehe Hintergrund).

Kochkunst aus Nigeria

Um wieder einmal gemeinsam zu feiern und andere Interessierte zu informieren, wurde Ende März einen Nachmittag und Abend lang ein Fest gefeiert. Yommi packte einige ihrer Kochkünste aus und zauberte innerhalb mehrerer Stunden einige nigerianische Spezialitäten auf die Tische. Isadora guckte in einen der Töpfe und ließ auch den Kinder-KURIER mit der Kamera hineinschauen ;)
Für die Süßspeisen – mehrere Gugelhupf-Variationen und andere Kuchen – sorgen andere Bewohnerinnen und Bewohner.

Tempelhüpfen

Einige Kinder greifen sich die Glasmalfarben und bemalten einen Teil der Auslagenscheibe des Nachbarschaftszentrums. Andere wie Natalie, Aliny, Isaac, Erol, Gloriya und Sarah basteln mit Reis und kleinen Kunststoff-Fläschchen Rhythmus-Instrumente, die sie mit Luftballons verschließen. Dazwischen nutzen sie – gemeinsam mit vielen anderen die hügelige Wiese vor dem Nachbarschaftszentrum, um rauf zu laufen, runter zu rutschen, Ball zu spielen, oder fangen zu spielen. Andere malen mit Straßenkreide kasteln auf den Boden, um das uralte, traditionelle Tempel- oder Kastelhupfen zu spielen. Hin und wieder greifen sie beim Buffet zu. Später setzen sie sich in einem Halbkreis um eine improvisierte Bühne und zeigen einige ihrer Talente. Gloriya singt „Katjuscha“, ein russisches Lied. Isadora performt den Cup-Song, Erol legt einen Tanz auf den Kunststoff-boden mit Breakdance-Einlagen, Aliny hat sich vor ihrem Auftritt noch schnell via Smart-Phone den Text des Songs „because I’m happy“ aus dem Internet rausgesucht.

Mindestens zwei Sprachen

Übrigens: Obwohl natürlich schon lange geplant, hätte das Kinder- und Familienfest in einem Bauteil des neuen Nordbahnhof-Viertels gar nicht aktueller sein können: Das von Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger wenige Tage zuvor angekündigte Ziel, jede Wienerin und jeder Wiener solle zwei Sprachen (eine davon Deutsch) beherrschen, ist im interkulturellen Wohnprojekt längst Wirklichkeit. Neben Deutsch, der gemeinsamen Verständigungssprache, sind Georgisch, Türkisch, Portugiesisch, Englisch, Yorubá (eine der mehr als 200 Sprachen Nigerias), Bosnisch, Farsi (Persisch) und Russisch zu hören. Und das Kabarett-Duo „Michael & Michael“ spielte Auszüge aus seinem Programm U5. Nur die Einleitung „eine U-Bahn, die es nicht gibt“, werden die beiden Künstler, die im selbst im neuen Viertel wohnen, wohl um ein „noch“ ergänzen müssen, nachdem die U5 vor wenigen Tagen als fixes Projekt der Stadtregierung angekündigt wurde.

Kochen, turnen, Kabarett

Nachbarschaft von Anfang an

Angenehm, entspannt und entspannend, kein Autolärm, nachbarschaftliche Begegnung fast wie in einem Dorf – wenngleich aus Neubauten – fast mitten in der Stadt – diese Eindrücke vermittelt der schon fertig gestellte Teil des Nordbahnhofviertels. Drei bis vier U-Bahn-Stationen vom Stadtzentrum entfernt sind die nicht allzu hohen Häuser so angeordnet, dass von fast überall freie Sichtachsen die Blicke nicht einengen. Viele Balkone, viel Grün – darauf und auf den Wegen spielen Kinder, Erwachsene freuen sich daran, niemand regt sich auf. Ein Verbotsschild (Ball spielen, Skaten…) verwundert Vorbeigehende nur.

Die Straßen sind für den Durchzugsverkehr gesperrt, nur ein Bus quert. Private Autos können von drei Seiten zufahren, aber nur das. Später, wenn das ganze Areal bebaut sein wird – allerdings mit einem weiteren großen Park – wird auch eine Straßenbahn hier her führen.

Gelebte Nachbarschaft

Schon bei Vertragsunterzeichnung wurden die künftigen Mieterinnen befragt, wie sie sich ins Projekt einbringen möchten und welche Aktivitäten zum Kennenlernen gewünscht sind. Seither werden diese Ideen gemeinsam umgesetzt. Mieter/innen können mit Hilfe von friends selbst Veranstaltungen durchführen oder den in einem gemeinsamen Prozess bestens ausgestatteten Gemeinschaftsraum (mit Küche, Spiel- und Sportgeräte, Kinderspielzone, Videobeamer …) für sich und ihre Familie nutzen. Bisher entstanden schon ein gemeinsamer Fitnesskurs, ein wöchentlicher Kinder-Eltern-Treff, Public Viewings, usw., ein Flohmarkt wurde bereits organisiert und eine Gruppe von Interessierten arbeitet schon intensiv an der Verwirklichung eines Gemeinschaftsgartens. Jeden zweiten Samstag wird stundenweise Kinderbetreuung angeboten. Je nach Kapazität werden diese Angebote im Viertel beworben und Nachbarn aus anderen Wohnhäusern zur Teilnahme eingeladen. So lernen sich die Familien verschiedener Häuser kennen.

Etwa 30 Familien im Haus machen derzeit aktiv am Projekt mit. Aktivitäten wie Kochkurse und Vorträge zu interessanten Themen sind demnächst geplant. Auch zu ähnlichen Nachbarschaftsprojekten im Viertel soll ein reger Kontakt entstehen.

Friends

„Friends“, ein interkulturelles Kinder- Jugend- und Familienzentrum der Kinderfreunde Leopoldstadt in der Nähe vom Karmelitermarkt, betreibt seit Oktober 2013 am Nordbahnhof ein Nachbarschaftsprojekt. Auftraggeber ist die Wohnbaugenossenschaft Neue Heimat, die damit in ihrem Wohnbau in der Ernst Melchiorgasse 16-18 (bzw. Am Tabor 48, 2. Bez.) „Interkulturelles Wohnen am Nordbahnhof“ realisiert.

www.wohnen-mit-friends.at/

Spielen auf der Wiese und den Wegen zwischen den Häusern

Basteln, schminken, Ballonspiele

Kleine Talenteshow im Gemeinschaftszentrum

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