© Zeitungsfoto.at/Liebl Daniel

Standpunkt-Diskussion
04/11/2014

Kein Kind wird rassistisch geboren

Jugendliche diskutierten im ORF-Landesstudio Tirol über Inklusion, Vielfalt, miteinander statt Ausgrenzung.

Vielfalt, Diversität, Inklusion – unmöglich oder sollte das schön langsam, da Realität, einfach gelebt, statt in Frage gestellt werden? Kürzlich diskutierten mehr als 150 Schülerinnen und Schüler mit Fachleuten verschiedenster Professionen im Innsbrucker Landesstudio des ORF dazu bei der Reihe Standpunkt (einer Veranstaltung von KURIER, ORF-Radio und Bildungsministerium).

Bei der Diskussion zum selben Thema eine Woche zuvor in Wien war einem Schüler aufgefallen, dass kaum Menschen mit Behinderung in der Schule und Gesellschaft zu sehen seien.

Marianne Hengl, Obfrau des Vereins Roll-On Austria: Gottseidank fallt‘s wem auf, dass ma fehlen. Positiv ist: Es hat sich sehr viel verändert. Als ich jung war, war die Teilnahme am öffentlichen Leben für uns überhaupt kaum möglich. Es wird besser, aber es gibt nach wie vor große Berührungsängste – von beiden Seiten.
Rusen Timur Aksak, Journalist, geboren in Kufstein, lebt in Wien: Es gibt auch große regionale Unterschiede. In Kufstein ist heute noch immer sogar die Eröffnung einer Shisha-Bar ein hochpolitisches Thema.
Johann Gstir, Fachbereich Integration im Land Tirol: Man kann die Frage, ob es neben dem Regel- ein Sonderschulsystem braucht, nicht so einfach mit ja oder nein beantworten. Aber es muss sicher in die Richtung gehen, dass im Regelschulsystem Voraussetzungen geschaffen werden, dass alle sich hier entfalten können.
Hengl: Es ist ganz, ganz wichtig, dass behinderte Menschen selber die Initiative ergreifen, sich auch darauf einstellen, angeschaut und gefragt zu werden, erklären, keine Scheu haben und nicht aggressiv werden, sondern zu allen Menschen offen sein sollen.

Rege Beteiligung Jugendlicher

Schüler: In meinem Austauschsemester in Amerika hab ich sehr viele behinderte Menschen ganz normal im Schulalltag teilnehmen gesehen. Die sind gut integriert, werden als Teil der Gesellschaft wahrgenommen und sind essentieller Teil des Unterrichts.
Theresa Fuchs (Kindergarten-Pädagogik): Im Übungskindergarten hatten wir auch ein Kind mit Trisomie 21 (Down Syndrom). Für uns Praktikantinnen war es erstaunlich zu sehen, dass die Kinder andere mit Behinderungen, egal welcher, sehr selbstverständlich annehmen. Kinder fragen. Wenn es erklärt wird, gehen sie ganz normal damit um.

Aksak: Später aus dem Ausland nachgeholte Kinder werden oft schnell in Sonderschulen verfrachtet.
Gstir: Diversität ist noch zu wenig Thema in der Ausbildung von Pädagog_innen. Es muss die gesamte gesellschaftliche Haltung offener werden, auch um besser Potenziale zu nutzen. Mehr Sprachen heißt potenziell mehr Möglichkeiten und nicht in erster Linie „der kann nicht Deutsch“.

Schülerin: In der Kindergartenfachschule werden wir auch in Migrantensprache unterrichtet zum Beispiel Türkisch und BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch). Es wird dabei auch Wert auf die jeweilige Kultur gelegt, aber es ist zu wenig Zeit. Und es ist auch sehr schwierig, um die anderen Kinder nicht zu vernachlässigen.
Ines, Kindergartenpädagogik: Ich bin zweisprachig (Arabisch und Deutsch) aufgewachsen. Es ist total gut, weil du dann nicht nur die Sprache kannst, sondern auch die Kultur mitkriegst. Alle sollten mindestens eine zweite Sprache lernen.
Alissa Martin-Gomez, Kindergartenpädagogik: Man kann sehr wohl Sachen von der Kultur einbinden, man muss es halt spielerisch gestalten und einfache Wörter lernen.

Hengl: Pädagog_innen sind oft überfordert, weil es nicht zur Begegnung kommt und damit nicht zum miteinander lernen. Das Naheliegendste ist die Begegnung, wir sind die Expert_innen, weil wir ja betroffen sind. Es wird so wahnsinnig viel davon geredet und so wenig praktiziert.

Schüler der HAK: In meiner alten Hauptschule gab es sogenannte Sprachenklasse, viele Schüler_innen mit Migrationshintergrund haben die besucht, sie konnten sich sehr gut integrieren und mit Lehrern auch in anderen Sprachen sprechen.
Schulleiterin, Kindergartenpädagogik: Ab Herbst wird es neue Lehrpläne als Schulversuch geben und ein Jahr später eine Verordnung in der Diversität einen großen Stellenwert einnimmt - egal in welcher Richtung ob sprachlich, behindert, geschlechterspezifisch… Es ist normal, dass man verschieden ist. Das ist ein Punkt, den alle zukünftigen Pädagoginnen und Pädagogen mitkriegen werden.
Kindergarten-Schülerin: Als Kind war eine beste Freundin ein Mensch mit besonderen Bedürfnissen. Es traut sich aber kaum wer darüber zu reden. Bei der Berufsberatung heißt’s, Pflegeberufe sind so schwierig. Das bringt junge Leute kaum dazu, zu helfen.
Melanie Baier(Kindergartenpädagogik): Wir lernen den Umgang mit Menschen die besondere Bedürfnisse haben, fast gar nicht kennen. Wir müssen‘s erst kennen lernen und wissen wie wir damit umgehen, sonst geht es ja gar nicht. Kinder, die schwächer sind, kriegen oft gar keine Chance, weil es so viel Notendruck gibt, so viel Aussieben. Das ist aber ein generelles Problem in der Gesellschaft und im Schulsystem, es liegt nicht nur an Pädagoginnen und Pädagogen.
Mona Kaserer, Kindergartenpädagogik: Zu oft und zu viel wird getrennt, für Menschen mit Behinderungen gibt es oft keinen Platz. Das ist eine Aufgabe für uns Pädagog_innen, für jedes Kind die gleichen Möglichkeiten zu schaffen und Kinder zu integrieren
Karl Riedl, BRG in der Au: Alle Schüler sollen die Chance haben, auf dem gleichen Level zu stehen, es gibt aber Schüler mit mehr Potenzial, aber es geht darum, jeden Schüler zum optimalen Potenzial zu fördern.
Marwin Sandbichler: Es fehlt auch in der AHS und BHS viel an Aufklärung.

Hengl: Medien, Gesellschaft auch der Landesschulrat haben die Aufgabe, Menschen zu sensibilisieren, Plattformen zu organisieren Plattformen, wo wir uns begegnen, denn jetzt gibt es so viel Verunsicherung.
Aksak: Wir hatten einfach eine engagierte Lehrerin, die egal ob’s im Lehrplan stand oder nicht, das einfach gemacht hat.
Gstir: Aber wenn ich’s nicht im Lehrplan habe, dann ist es eine Frage des Zufalls, ob ich an so eine gute Lehrkraft komme und das darf‘s möglichst wenig bleiben, es soll möglichst wenig dem Glück überlassen werden, sondern möglichst alle müssen in den Genuss von Förderung kommen.

Stärken herausarbeiten

Ines: Leute glauben viel zu leicht, was sie in Medien hören oder sehen und hinterfragen zu wenig, ob das stimmt.
Karl Briegl, BRG in der Au: Auch wenn es große Bildungsunterschiede gibt, im Sozialen können wir alle viel von einander lernen.
Magdalena Lechner, Kindergartenpädagogik: Schule wird meist sehr defizitorientiert diskutiert, auch bei Beobachtungsbögen im Kindergarten. Wir müssen aber Kinder eher selbstbewusst machen, ihre Stärken herausarbeiten und sie fördern.
Beka, HAK: Wen jemand keinen Fuß hat, heißt das ja nicht, dass man schwächer ist.
Aigner, BRG in der Au: Man sollte auch darauf schauen, dass es Lehrer_innen gibt, die Behinderungen mitbringen.
Kanie, BRG in der Au: Es wird oft viel geredet, aber nichts gemacht.
Johanna Lackl, Kindergartenpädagogik: Beim Projekt „72 Stunden ohne Kompromiss“ bin iach als Kind zum ersten Mal in Kontakt mit behinderten Menschen gekommen. Das sollte man mehr ausbauen - nicht nur im Kindergarten, auch in die Schule sollte man mehr Inklusion reinbringen.
Bojana, HAK: Im Kindergarten hatten wir sowohl Kinder mit Migrationshintergrund als auch mit Handicap. Das war alles kein Problem. Auch in der Volksschule hatten wir am Anfang Kinder mit speziellen Bedürfnissen, aber nach einem halben Jahr waren keine mehr da. Sie sind alle in die Sonderschule gekommen, weil die Betreuung in der Schule voll überfordert war. Dadurch aber verliert man den Zugang, was früher kein Problem, sondern ganz normale Begegnung war, führte später zu Unsicherheiten und Berührungsängsten. Das Aussortieren finde ich einfach nicht okay.
Melanie Baier, Kindergartenpädagogik: Nicht nur Behinderten lernen von uns „Normalen“ was, sondern auch umgekehrt. Es kann doch jede und jeden treffen, irgendwann im Rollstuhl zu sitzen. Wenn wir Leute wie Frau Hengl hier treffen, dann sehen und wissen wir, dass das Leben sehr gut weiter geht. Und wir können Berührungsangst abbauen.
Bettina, Kindergartenpädagogik: Jetzt redet jeder viel von Toleranz, dass alle integriert werden, aber viele von uns wissen: Seit eineinhalb Jahren sehen wir jeden Tag in der Früh am Bahnhof einen jungen Mann mit Trisomie 21. Die Hälfte der Leute dreht sich um, wenn er „Guten Morgen“ sagt. Jeder redet g‘scheit daher und tut dann prinzipiell nix.
Magdalena Lechner, Kindergartenpädagogik: Es ist viel von Schule und Lehrplänen die Rede, aber es fangt im Kindergarten an, Kindern zu vermitteln, alle sind normal und gleich.
Natalie Messner, Kindergartenpädagogik: In späteren Bildungsjahren wird das Thema oft vernachlässigt, dass jeder Mensch gleich wert ist.
Yvonne Spieß, Schule für Sozialbetreuungsberufe: Warum steht solchen Kindern nicht zu, dass sie immer von profesionellem, ausgebildeten Personal betreut werden?

Gstir: In jeder Kindergartengruppe muss immer eine ausgebildete Pädagogin sein, Assistenzpersonal hat viel weniger Ausbildung, das stimmt schon. Aber auch wenn es den Anspruch auf bestmögliche Betreuung für möglichst alle geben muss, hat die Politik immer nur über endliche Mittel zu entscheiden. Und dass nix gemacht wird, stimmt nicht. Mir wird zwar immer viel zu wenig gemacht, aber es gibt wahnsinnig viele Projekte, Bemühungen. Die Veränderungen passieren viel zu langsam, aber ich wehre mich gegen den Fatalismus, nie werde was gemacht.
Aksak: Mir kommt manchmal vor, es wird viel zu viel gemacht wird, aber vielleicht in die falsche Richtung. Integration ist teilweise schon zum Business geworden, wo viel Geld in Werbung reingesteckt wird, wenngleich schon auch tolle Sachen gemacht werden.
Hengl: Teilweise wird um Inklusion schon ein richtiger Medienboom aufgebaut, aber es passiert viel zu wenig konkret. Ich möchte ein Frage an die Schülerinnen und Schüler stellen: Wer wird dahingehend gefördert, wenn’s um den Umgang mit Menschen mit Behinderungen geht?
(Mehr als die Hälfte zeigt auf.) Das ist ja mal eine positive Antwort, damit hätt ich jetzt nicht gerechnet.

Marc Langer, BRG in der Au: Viel wichtiger wäre es, dass sich jeder Mensch selber Gedanken macht, wie man mit solchen Menschen umgeht, was man dabei besser machen könnte…
Martin Jenewein, Schule für Sozialberufe: Gesellschaft soll sich ändern, nicht so defizitorientiert denken. Ich finde es ganz wichtig, politische Rahmenbedingungen zu schaffen, endlich Verantwortung zu übernehmen für Barrierefreiheit zu sorgen.
Ines, Kindergartenpädagogik: Kein Kind wird rassistisch geboren. Man müsste nur fördern, Unterschiede, Diversität, Vielfalt als was schönes zu betrachten.
Melissa, HAK: Es ist viel von der Erziehung abhängig. Wichtig ist, dass Eltern ihren Kindern sagen, alle Menschen sind Menschen.
Alissa Martin-Gomez Kindergartenpädagogik: Kinder würden nicht von sich aus sagen, den mag ich nicht, weil der nicht Deutsch kann...
Schulleiterin der NMS Fritz Prior: Alle jungen Menschen haben ein Recht auf Bildung, egal woher sie kommen oder welche Einschränkung sie haben. Das soll in Schulen gelebt werden, das müssen alle erfahren, nicht nur gelehrt bekommen, sondern miteinander erleben. Schulen müssen aufgemacht und vielfältig werden. Wir müssen aufhören, in unterschiedliche Schulsysteme zu separieren. Aber dafür müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die entsprechenden Ressourcen geschaffen werden.
Magdalena Lechner, Kindergartenpädagogik: Es geht darum, nicht nur den Kindern zu sagen, du musst den oder die gern mögen. Wir müssen das leben - als Vorbilder.
Natalie Messner, Kindergartenpädagogik: Der erste schritt zum Kontakt ist, bei sich selber anzufangen. Mein Onkel hat Trisomie 21, deshalb bin ich mehr involviert und erlebe oft Menschen, die nicht aufpassen, was sie Verletzendes sagen.
Theresa Fuchs, Kindergartenpädagogik: Das wichtigste Thema sind Berührungsängste. In Kufstein gibt es ein Fest von Migranten zur Begegnung. Wir sind mit unserer Familie hingegangen, waren aber die einzigen, die keinen Migrationshintergrund hatten.
Karl Briegl, BRG in der Au: Ich persönlich finde, die Trennung in Mittelschule und Gymnasium macht Sinn, sonst würde das Niveau sinken oder viele durchfallen.
Mona Kaserer, Kindergartenpädagogik: Schule sollte so gestaltet werden, dass aus jeder und jedem das beste rausgeholt werden kann.

Aksak: Ich war ein Gastarbeiterkind, das im Gymnasiumüberhaupt das einzige Arbeiterkind war, trotzdem bin ich ein Verfechter des Gymnasiums.
Gstir: Es geht doch darum, dass in allen Schule es eine innere Differenzierung geben soll, dass Talentierte weiter gebracht werden, und andere gefördert werden. Zu Kufstein: Man muss sich bei solchen Gelegenheiten auch immer überlegen, wie man die Einladungen macht.
Hengl: Es braucht für so gemeinsame Feste oder Aktivitäten immer auch verantwortungsvolle Drahtzieher, die Mut haben. Im Dorf müssten das oft Bürgermeister und Pfarrer sein, die sagen, „schaut‘s auf unsere Vielfalt…“

Ulli, Schule für Sozialbetreuungsberufe: Wo sind übrigens heute hier Menschen mit Behinderungen?
Der Moderator merkt an, dass bei der Diskussion in Wien gut 30 Jugendliche mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen waren.
Karl Briegl, BRG in der Au: Es wird zu viel Verantwortung auf Politik oder Lehrer abgewälzt, vieles müsste von den Leuten selber kommen. Ein guter Freund ist erst vor 4,5 Jahren nach Österreich hergekommen, ohne Deutsch zu können, heute kann er die Sprache super gut, das hat er selber geleistet.

Hengl: Warum hier heute keine Jugendlichen mit Behinderungen sind ist vermute ich charmant-frech, weil viele Schulen nicht barrierefrei sind, wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen.
Aksak: In Fällen klarer Diskriminierung kann und sollte man dagegen vorgehen.
Gstir: Unterschiedliche Voraussetzungen müssen berücksichtigt werden – und er schildert einen Cartoon von der Schule der Tiere, wo der Lehrer sagt, alle – egal ob Elefant, Schildkröte… müssen auf den Baum klettern.

Martin Dadak, NMS Fritz Prior: Vor einigen Jahren hat ein Vater seinen Sohn von unserer Schule abgemeldet, weil viele Ausländer da sind und ihn ins Gymnasium gegeben. Das hat er nicht geschafft.
Marc Langer, BRG in der Au: Wo entsteht eigentlich Diskriminierung?

Hengl: Diskriminierung fangt vielleicht da an, wenn sich jede und jeder oft extrem gut vorkommt und dann automatisch andere diskriminiert – der redet Blödsinn, die hat entstellte Gliedmaßen… Und dann mit sogenannten anderen nichts zu tun haben will. Alle sollte wir vor unserer Türe kehren. Wichtig ist immer wieder, Menschen zu finden, die ein großes Stück des Weges mit uns gehen…

Schülerin: Ich wollt noch was Positives sagen, dass ich die Neue MittelSchule sehr gut finde, weil da drauf geschaut wird, dass alle Kinder gefördert werden, egal welchen Hintergrund sie haben.

Die Diskussion ist auf ORF-Campusradio in drei Teilen zu hören:
16., 17. Und 18. April
Jeweils 19.30 bis 20Uhr
http://oe1.orf.at/campus

Sowie danach on demand:
www.schuelerradio.at

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.