© Heinz Wagner

Demokrati-Projekt
09/19/2013

JA! Nein! Oder?

Rund zwei Dutzend Jugendliche einer Wiener AHS näherten sich der Nationalratswahl als zentrales Element von Demokratie vor allem mit künstlerischen Mitteln.

von Heinz Wagner

Eine Schaufensterpuppe komplett mit Zeitungspapier überzogen – engst anliegend – wie eine zweite Haut. Um den Hals das Kabel einer Maus, in einer Hand eine Fernbedienung, in der anderen eine große Lupe. Aus dem Kopf ertönen Stimmen – durcheinander. Außer hin und wieder einzelnen Wortfetzen ist sonst nichts ist zu verstehen. „Genau das wollten wir, das sind alles Wahlkampfreden verschiedener Politiker_innen“, beginnt Kerstin Doupona dem Kinder-KURIER die Skulptur zu beschreiben, die sie gemeinsam mit Manuel Geißhüttner und Magdalena Schmid gebaut hat. „Durchblick“ nannte das Trio die Arbeit. „Mit der Puppe wollen wir zeigen, dass es zur Wahl viele Informationen in allen Medien gibt, einen Informationsdschungel (Zeitungen, Fernsehen, Computer, Radio), in dem aber auch jede und jeder selbst die Aufgabe hat, durchzublicken. Dafür steht die Lupe.“

Rund 20 Stunden hat das Trio im Rahmen einer künstlerisch-kreativen Forschungswerkstatt zum Thema Demokratie in der AHS Franklinstraße 26 (Wien-Floridsdorf) – gemeinsam mit dem Verein demokotiv – gearbeitet, das im Rahmen der WienWoche vorgestellt wurde. „Zuerst haben wir nach einer Idee gesucht, aber die hatten wir bald“, erinnert sich Geißhüttner. Aber die Umsetzung hat ganz schön viel Zeit in Anspruch genommen“, weiß Schmid zu berichten.

Wen oder wen nicht oder weiß wählen? Hauptsache Wahlrecht nutzen!

Informationen zu durchforsten, zu hinterfragen, auf ihren Wahrheitsgehalt abzuchecken – vor dem Hintergrund dieser durchaus anstrengenden Tätigkeiten gilt es schließlich Entscheidungen zu treffen. Dieser Gesichtspunkt zieht sich durch mehrere andere der Gruppenarbeiten im Vorfeld der Nationalratswahl von Ende September (2013). Ganz konkret mit der Wahl und der – nicht zuletzt bei Jugendlichen - weit verbreiteten Verdrossenheit mit dem aktuellen Parteienangebot setzten sich Marion Varga, Alexander Bauer, Michael Wagner und Barbara Siegl in einem Video auseinander. Ursprünglich, so erzählt die Gruppe bei der Projektpräsentation, „wollten wir eine allgemeine Straßenumfrage machen, haben uns dann aber entschieden, nicht fremde Leute irgendwo zu fragen, sondern in unserem persönlichen Umfeld, weil ja auch praktisch alle in der Klasse mit dem Angebot, das zur Wahl steht, mehr oder weniger unzufrieden sind.“ Eine spannende Folge der intensiven Arbeit: „Es sind zwar alle irgendwie unzufrieden, aber praktisch alle werden wählen gehen. Und wenn wer weiß wählt ist es immer noch eine bessere Entscheidung als das demokratische Wahlrecht gar nicht zu nützen“, fassen diese vier Jugendlichen viele Standpunkte ihrer sehr differenziert und ausgefielt argumentierenden Kolleg_innen zusammen.

Entscheidungen treffen

Dass Entscheidungen treffen und wählen gar nicht nur auf Politik und einmal in fünf Jahren beschränkt ist, sondern praktisch täglich stattfindet, versuchten Johannes Bochsbichler und Momen Abduo in ihrem Video plastisch und anschaulich darzustellen: Milchschnitte oder Apfel bricht die Frage des Auswählens mit dieser Entscheidung zwischen diesen beiden Lebensmitteln, einer zwischen zwei Musiknummern und zwischen Design bzw. Leistung eines elektronischen Geräts auf den Alltag herunter. So einfach, weil auch nicht so unmittelbar, ist es natürlich – auch das zeigt der Film – bei einer politischen Wahl nicht. Doch letztlich ringt sich der Hauptdarsteller des Videos durch, in eine Wahlkabine zu gehen und eine der Listen anzukreuzen.

Aktionistisch...

... gingen/gehen es (sie performen ihren Auftritt am Freitag, 20. September am Wiener Karlsplatz vor dem Theater brut) Rebecca Filipsky, Markus Pollak und Meltem Calisir an. Sie bastelten zwei Tafeln, wie sie bei Protestaktionen und Demonstrationen verwenden werden. Auf einer steht einfach nur JA auf der anderen NEIN. Zwischen diesen beiden Polen sollen sich die Menschen bei der Aktion entscheiden. Dazwischen wird jemand leere, weiße Zettel streuen – als Zeichen des Weißwählens, wer anderer wird andauernd das T-Shirt wechseln, andere werden sich mal da, mal dort hin bewegen – leicht überredet/manipuliert oder nach reiflicher Überlegung? Diese – und vielleicht weitere Gedankenanstöße möchte dieses Projekttrio tätigen.

Fragen und Aufforderungen

Verwirren und damit zum Nachdenken anregen woll(t)en Tamara Mittermann und Rosemarie Marksteiner. Sie produzierten 35 verschiedene Postkarten mit Fragen bzw. Handlungsanleitungen wie „Wie bitte?“. „Warum hast du nichts gesagt?“, „Verändere etwas“, „Einfach so weitermachen? Nein!“ und verteilten bzw. befestigten sie gut sichtbar an öffentlichen Plätzen, beispielsweise dem Praterstern oder der Franklinstraße – an der von der Schnellbahnstation kommend gleich mehrere Schulen liegen. „Wir wollten mit einfachen, kurzen, prägnanten Fragen und Aufforderungen etwas bewirken!“, meinen die beiden Postkarten-Gestalterinnen. Und freuen sich über etliche positive Reaktionen, die sie bei ihren öffentlichen Aktionen bekommen hatten.

Und in der Schule?

Von der Demokratie im (privaten) Alltag, der gesamtnationalen Wahl und ganz im Allgemeinen zu jener in vielleicht DEM Bereich, der Kinder und Jugendliche am meisten betrifft, machten sich Neven Nikolić, Malik Mahrukh und Katharina Wittmann in ihrer Projektarbeit auf. Wie steht’s um Mitsprache und Mitbestimmung in der Schule? Das wollten die drei Jugendlichen wissen und sahen sich in der alternativen SchülerInnenschule im WuK (Werkstätten- und Kulturhaus, Wien-Alsergrund) sowie der immerhin öffentlichen Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau um. „in diesen beiden Schulen können die Kinder und Jugendlichen wirklich mitbestimmen“, zeigten sich die jungen Forscher_innen aus der floridsdorfer AHS ziemlich überrascht – und beeindruckt. „Aber auch wenn diese beiden Schulen viel kleiner sind als unsere und es daher leichter ist, einiges könnten wir schon auch für unsere Schule lernen und übernehmen“, meint Neven Nikolić, der dazu auch den vorjährigen Schulsprecher interviewte. „Vor allem das Verhältnis zwischen Schüler_innen und Lehrer_innen könnte man verändern. In den beiden Schulen wo wir geforscht haben ist dieses Verhältnis viel partnerschaftlicher, die Begegnung findet auf gleicher Ebene statt, ist nicht so distanziert, es gibt kein Gefälle zwischen den Erwachsenen auf der einen und den Kindern bzw. Jugendlichen auf der anderen Seite wie in den meisten anderen Schulen. Das würde sofort das Schul- und damit auch das Lernklima deutlich verbessern.“

Zur demokotiv-Homepage - mit den Videos (demnächst)

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